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Sahara-Express

Am 8. November ist die Zeit gekommen, mich von Mélanie zu verabschieden. Am Morgen machen wir im Souk wie Obdachlose Jagd auf Riesenkartons, um das Velo flugtauglich verpacken zu können. Ich begleite Mélanie zum Flughafen und nach einem tränenreichen Abschied fahre ich mit dem Taxi alleine zurück ins Riad. Ich esse noch einmal auf dem Hauptplatz Djema el Fnaa, wo sich Schlangenbeschwörer, Henna-Zeichnerinnen, Orangensaft-Verkäufer, Imbissbuden, Schnecken-Stände, Musikanten, Einheimische und Touristen ein Stelldichein geben. Am nächsten Tag nichts wie weg Richtung Hoher Atlas. In der charmanten Jugendherberge in Asni, die noch wie genau vor fünfzig Jahren aussieht, spartanisch aber zweckdienlich, mache ich Halt. Und halte ein langes Schwätzchen mit dem Sohn des Jugi-Betreibers. Er geniesst hier oben die Ruhe und die Kühle, den Olivenhain hinter der Jugi, amüsiert sich über das französische Paar, das auf Trekkingtour ist, sich dafür eigens einen Esel gekauft haben und nun bis am Samstag warten müssen, um im Souk Heu zu kaufen. Er hat wegen dem Fest Aïd el Kebir ein paar Tage frei und erholt sich von seinem Job im teuersten Hotel in Marrakech, wo nicht tausend und eine sondern eine einzige Nacht über 1‘000 Dollar kostet. Die fehlende Dusche bei Billighotels, in denen man ab 3 oder 4 Euros ein einigermassen anständiges Zimmer bekommt, ist nicht notwendig ein Manko. Denn meistens gibt es in der Nähe ein Hammam, wo man sich gut waschen und entspannen kann. So auch in Asni. Ab 18 Uhr sei für Männer geöffnet, die beste Zeit, um sich dort in Ruhe zu schrubben und zu waschen, meint ein Einheimischer. Wenn nicht gerade Aïd el Kebir wäre und überall der Brauch herrscht, dass Horden von Jungen mit schwarz angemalten Gesichtern und eingekleidet in schwarzen Schaffellen durch Dörfer ziehen und Geld für das Fest sammeln. Und sich danach im Hammam wieder reinmachen und ein Affentheater veranstalten. Aber amüsant ist es allemal.  So oft es geht, suche ich ein Hammam auf. Man schnappt sich zwei Kübel, füllt heisses und kaltes Wasser rein und hält sich je nach Lust und Laune in einem der drei verschieden heiss-feuchten Räumen auf, schwitzt, seift  und schrubbt sich ein und begiesst sich nach Belieben mit heissem, warmem oder kaltem Wasser.

Von Asni aus ist es nicht mehr weit bis zum Djebel Toubkal, mit 4‘177 Metern der höchste Berg Nordafrikas. Ich lasse ihn aus, zumal ich ihn bereits vor drei Jahren bestiegen habe. Besteigung ist stark übertrieben, denn es handelt sich, zumindest aus schweizerischer Sicht, um eine normale zweitägige Bergwanderung ohne Schwierigkeiten.

Die Passstrasse Tizi’n Test auf 2‘092 Metern hingegen ist, aus radfahrerischer Sicht, sehr spektakulär und die Berge des Hohen Atlas ringsherum sensationell. Auch die Abfahrt Richtung Süden ist vom Feinsten, nicht sehr steil und sehr langgezogen. Runter bis nach Taroudannt, eine angenehme Stadt um sich einen Tag zu erholen und die „tanneries“, die Ledergerbereien zu besuchen. Es ist nicht viel los, die ganze Woche wird schliesslich gefeiert. Aber es sind bereits unzählige Schafsfelle hergebracht worden, die bearbeitet werden wollen.

Agadir lasse ich aus und nehme den direkten Weg nach Tiznit. Hier muss ich mich unzählige Male durchfragen, denn einige Strassen sind auf meiner Karte nicht bzw. nicht richtig eingezeichnet. Praktisch kein Verkehr, ausser einigen mauretanischen Pantherschildkröten, die mir über die Strasse laufen und gehörig anfauchen, als ich sie anfassen möchte.  Auch die Landschaft fängt langsam an, steppen- und wüstenhafter zu werden. Als ich am Abend durch landwirtschaftliches Gebiet fahre, frage ich Einheimische, ob ich hinter ihrem Haus mein Zelt aufschlagen könne. Sicher doch. Ein Teppich wird vor meinem Zelt ausgebreitet und als ich soeben meinen Riesenpfanne Pasta fertig gegessen und abgewaschen habe, kommt Abdullah, von Beruf Schulbus-Chauffeur, und grilliert vor meinem Zelt noch Schaffleisch-Brochettes, die wir dann gemeinsam im Schulbus bei einer Runde Tee essen. Und so komme auch ich noch in den Genuss von einem Aïd el Kebir-Schaf. Stolz zeigt er mir seine 7 Monate junge Tochter Jasmin. Am nächsten Morgen ist er sehr früh schon weg, um die Schulkinder einzusammeln. Dafür leistet mir sein Vater Gesellschaft beim Morgenessen mit frisch gebackenem Brot, Konfitüre und Früchten.

Auf der Hauptstrasse Agadir-Tiznit herrscht viel Verkehr. Einige tote Ziegen am Strassenrand. Und sogar ein richtig grosses Wildschwein. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, dass der Anblick eines Schweines ja eher selten in einem muslimischen Land ist. Spontan entscheide ich, einen Umweg über die Küste zu nehmen und nach Sidi Ifni zu fahren. Es liegt zwar eine Hügelkette dazwischen, die Anstrengung zahlt sich aber allemal aus. Sidi Ifni ist ein sehr angenehmer Ort, um sich zu entspannen, die Seele etwas baumeln zu lassen und nochmals Kräfte zu tanken. Die Stadt ist in den 1930ern von den Spaniern auf einem Felsen ganz im Art Deco Stil gegründet worden. Vorher lebte dort überhaupt niemand. Die Spanier besassen diesen Flecken Land bereits von 1476 bis 1524, als der Ort noch  Santa Cruz del Mar Pequeño hiess. Sie wurden dann vertrieben und sicherten sich die Herrschaft erst wieder 1860 im Abkommen von Tetouan.

Die Stadt versprüht einen ganz eigenen Charme und ist untypisch marokkanisch, sehr relaxt, beliebt bei Surfern, gutes Essen, guter Kaffee. Keine engen Souks. Der alte Flugplatz zieht nach wie vor einen Strich durch die Stadt und wird alljährlich für ein grosses Fest gebraucht, um den Weggang der Spanier im Jahre 1969 zu feiern. Es scheint mir aber, dass wenige Marokkaner Groll gegen die Spanier hegen. Im Gegenteil: in vielen Läden hängen F.C. Barcelona Flaggen und die Spiele der spanischen Liga werden eifrig in Cafés und Restaurants verfolgt. Und natürlich träumen viele von Spanien und Europa.

Einige Gebäude, wie der Twist Club oder das spanische Konsulat, sind am Verfallen. Andere wurden restauriert. Das älteste Hotel der Stadt, „La Suerte Loca“ – Das Wahnsinnsglück, gibt es nach wie vor und dort komme ich unter. Ein Wahnsinnzufall ist es dann abends, als ich in der Stadt rumspaziere und auf Freunde aus der Schweiz treffe. Unglaublich: Fotograf Andreas Kramer und seine Freundin Karin, die mir 2006 auf dem Pamir Highway in Tajikistan auf dem Velo begegnet sind, laufen an mir vorbei. Wer an meinem Diavortrag in Liestal in der Aula Burg anwesend war, mag sich vielleicht an ihn erinnern, da er einleitend eine kurze Rede gehalten hat. Diesmal sind sie mit ihrem neu umgebauten Landrover für vier Wochen in Marokko unterwegs.

Am nächsten Tag machen wir natürlich zum Morgenessen ab und fahren zur Legzira Beach, wo zwei eindrückliche Bögen den Strand zieren und Paraglidern als Kulisse für ihre waghalsigen Manöver dienen. Was für eine tolle Überraschung! Vor einem Jahr haben wir in Basel an der Herbstmesse noch Bratwürste gegessen, jetzt sitzen wir in der Sonne und verzehren Salami und Schweizer Käse !

Eine Wahnsinnsfreude bereite ich ungewollt dem pensionierten Julio Anton, den ich in Spanien eines Morgens in der einzigen Bar von Manzaneruela kennengelernt habe. Endlich komme ich dazu, ihm das versprochene Foto von der boccadillo-essenden und chupito-trinkenden Männerrunde zu schicken und sende ihm nebenbei Grüsse aus Sidi Ifni. Postwendend schreibt er mir zurück, dass ich ihm soeben eine Riesenfreude bereitet habe, weniger wegen des Fotos, sondern weil ich mich gerade aus dem Ort melde, in dem er 1959 als junger Bursche in einem Amphibienfahrzeug gestrandet ist und seinen Militärdienst absolviert hat. Er zählt mir einige Orte auf, die ihm noch bestens bekannt sind, unter anderem auch „La Suerte Loca“…

Mit neuen Kräften starte  ich Richtung Guelmim und West-Sahara. 1‘300 Kilometer Wüste. In der Vorstellung sieht das so aus: meterhohe Dünen, durch die man sich mehr schiebend als fahrend durch sandige Pisten durchkämpft und Sandstürmen trotzt. Zum Glück sieht die Wirklichkeit nüchterner aus: eine mehr oder weniger pfeiffengerade, gut asphaltierte Strecke, durch eine steinige, öde und karge Landschaft. Outback-mässig. Hier und da ein paar Büsche, um gerade noch das Zelt verstecken zu können. Eher selten Dünen. Einmal sogar eine alleinstehende grosse Sicheldüne. Häufig führt die Strasse nahe am Rande der Küste, die schroff um rund 50 Meter hinunterfällt. Ein böser Unfall: eine Frontalkollision zwischen einem Kleinlaster und einem Mercedes-Taxi. Vereinzelt Zelte von Fischern. Dann und wann Kamel- bzw Dromedarherden. Und Heiterkeitsanfälle, wenn man von einem Landrover mit 4 (in Worten: vier) Kamelen auf der Ladefläche überholt wird. Und es geht doch ! Aufschlussreiche Erkenntnisse, wenn der Wind den Sand aufwirbelt: bestreicht man sein Brot mit Schmelzkäse und isst es nicht sofort auf, hat man ein plötzlich ein Sand-Wich.

Strecken von 100 bis 140 Kilometer ohne Versorgungsmöglichkeiten. Ab und zu eine langersehnte Tankstelle mit Café und kleinem Laden. Aber auch einige grössere Städte mit allen Annehmlichkeiten. Insgesamt also mit ein bisschen Planung gut zu befahren. Und zudem soll meistens ein Nordwind, d.h. ein kräftiger Rückenwind blasen. Ich bin gespannt und traue der Sache nicht ganz. Am Anfang sieht es noch nicht sehr danach aus, im Gegenteil, ich habe eher Seiten- bzw. leichten Gegenwind. Besser gesagt wir. Denn ich treffe auf Jeff, einem Australier um die 50, der von Stockholm nach Dakar fährt und Richard, einem 22-jährigen Schweizer, der das gleiche Ziel anpeilt. Beide radeln seit Barcelona zusammen.

In Laayoune, der grössten Stadt in der Westsahara, legen wir einen Ruhetag ein. Unterwegs begegnen wir einem anderen, wegen seinen vielen Afrika-Eindrücken sichtlich mitteilungsbedürftigem Tourenfahrer, der von Südafrika gestartet ist und sogar durch den Kongo geradelt ist. Zufällig ist er wie Jeff auch Australier, auch aus Sydney und auch aus der Cleveland Street. So klein ist manchmal die Welt.

Auffallend ist in Laayoune die Vielzahl der weissen mit UN beschrifteten Jeeps. UN peacekeeper, die hier seit 1991 stationiert sind, als sich Marokko und die Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario auf einen Waffenstillstand geeinigt haben. Ziel des Frente para la Liberación de Seguiat el Hamra y Rio de Oro (Polisario) war die Unabhängigkeit der spanischen Kolonien „Rio de Oro“ mit der Kapitale Villa Cisneros (heute Dakhla) und „Seguiat el Hamra“ mit dem Hauptort Laayoune. Bereits 1966 erliessen die Vereinten Nationen eine Resolution, wonach Spanien eine Abstimmung über die Unabhängigkeit in der Sahara durchzuführen habe. Die arabischstämmigen Saharawis kamen aber vom Regen in die Traufe: der marokkanische König Hassan II organisierte la „marche verte“ und liess 350‘000 Marokkaner (und Soldaten) in die Westsahara einmarschieren und teilte sich mit Mauretanien den Kuchen in einem Abkommen, obschon auch Den Haag das Selbstbestimmungsrecht der Saharawis feststellte. 1976 gründete der Frente Polisario einen eigenen Staat, der von der Afrikanischen Union anerkannt wurde. Viele Saharawis flohen im Zuge der Auseinandersetzungen nach Algerien, wo sie noch heute unter prekären Bedingungen in einem Flüchtlingscamp mit über 200‘000 Menschen leben. Mit einem solchen Saharawi (natürlich nicht der auf dem Bild hier unten), die das Hassani, einem arabischen Dialekt sprechen, komme ich in einer Tankstelle kurz ins Gespräch: er zeigt mir seinen algerischen Pass. Um nach Boujdour zu reisen, muss er einen Umweg über Mauretanien machen, dort den Eisenerzzug nehmen. Kurz darauf verschwindet er in den Bus, der weiterfährt.

Um Fakten zu schaffen, bauen die Marokkaner entlang der Strasse kleine Siedlungen, die aber meist leer stehen. In einer solchen will ich die Arbeiter fragen, ob ich zelten könne. Einer spricht mich auf Italienisch an: „Ueglio, e tu che ci fai qui?“ Er hat lange in Italien gearbeitet. Ich darf dann sogleich in einer leerstehenden Wohnung schlafen. Ein Haus ist sogar mit „Centre de santé de soins de base“ beschriftet. Ob es je eröffnet wird, ist sehr fraglich. Gesellschaft leisten mir fünf weisse putzige Welpen. Die Mutter sei seit vier Tagen verschwunden, meint der „chef de chantier“, der mir Nektarinen, Äpfel und Datteln schenkt. Ich spende den süssen Welpen meine Wurst, wohlwissend, dass sie kaum eine grosse Chance haben werden, zu überleben. Die Mutter liegt drei Kilometer weiter vorne tot im Strassengraben.

Endlich. Nach Tarfaya, als die Strasse von Westen nach Süden abknickt, kommen Hochgefühle auf. Mit Geschwindigkeiten von 30 bis 40 Km/h blitzen wir durch die Ebene.  Ich fühle mich wie auf dem Rennvelo, einfach ge…, genial. Es gelingt mir, an diesem Tag fast 200 Kilometer zu fahren.  Aviatik-Interessierten mag Tarfaya unter dem Namen Cap Juby besser bekannt sein.  Alljährlich macht hier im Oktober die „Rallye Aérien“, die von Toulose nach Dakar führt, Halt. Tarfaya war eine Station für die Flugpost nach Südamerika und hier war auch einige Jahre der Pilot und Schriftsteller Antoine de St. Exupéry, Autor des weltweit beliebten Kinderbuches „Le Petit Prince“, stationiert. Eingepfercht in seinem kleinen Büro hatte er genügend Zeit, um seine Erzählungen niederzuschreiben. Wenn er nicht gerade mit Saharawis über das Lösegeld für die in der Wüste abgestürzten Flugpiloten am Verhandeln war. Ein kleines Museum der „Association des Amis de Tarfaya * Mussée Antoin de S. experey“ (sic!) mit vielen Informationen lädt zu einer willkommenen Auszeit ein, um in die Geschichte des Flugpostverkehrs einzutauchen.

Nach dieser langen Etappe, auf der ich mich von meinen Reisekumpanen verabschiede, ist mit Rückenwind dann auch schon Schluss, Wolken ziehen auf, sogar einige Regentropfen fallen vom Himmel und der Wind bläst mir ins Gesicht. In der gleichen Zeit wie am Vortag, aber mit viel mehr Anstrengung, schaffe ich es nur noch auf 120 Kilometer. Erst vor Dakhla stimmen Fahrt- und Windrichtung wieder überein. Hier in der Westsahara die Temperaturen erträglich. Am Morgen kühle 15 Grad, am Nachmittag um die 25 bis 30 Grad. In Dakhla werden aus einem Ruhetag drei, ich brauche Zeit, um die Weiterreise zu planen und einfach einmal ein Buch in die Hand nehmen zu können, einen Moment innezuhalten. Der Angestellte im Hotel ist übrigens in Sidi Ifni aufgewachsen, neben dem “La Suerte Loca”…Noch sind es 350 Kilometer bis zur mauretanischen Grenze.

Noch ein bisschen Werbung in eigener Sache. Zum Glück bekomme ich vom ganzen Weihnachtsrummel nicht viel mit, der in Europa wohl in vollem Gange ist. Wer den Menschen in Mali ein Geschenk machen will, damit dort ein Dorfbrunnen gebaut werden kann und diese Zugang zu etwas für uns so Selbstverständlichem aber Lebensnotwendigem wie Wasser bekommen, kann gerne spenden. Jede Spende, mag sie auch noch so klein und symbolisch sein, freut mich und noch mehr die Nutzniesser ungeheuer. Und natürlich kann sie von den Steuern abgezogen werden. Shukran !

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Atlas, Berberaffen und Zedernwälder

Zunächst möchte ich all jenen ein grosses Dankeschön aussprechen, die eine Spende an Helvetas geleistet haben und mich so noch zusätzlich motivieren. Es wird mir eine Ehre sein, die gesammelten Spenden persönlich überbringen zu können. Bis dahin werden aber noch ein paar Schweisstropfen falle, und vielleicht auch ein paar Regentropfen.


Eine kleine Berichtigung muss ich hier zum letzten Artikel noch anbringen. Der Durchfall war alles andere als überstanden. Bereits bei der Abfahrt in Moulay Idriss stösst mir das Morgenessen auf. Ich halte die verschiedenen Gerüche der Grillstände, der open-air Metzgereien mit ihren Auslagen an fettigem Schaffleisch, den Gestank von verbrennten Haushaltsabfällen und verwesenden Hundekadavern am Strassenrand nicht mehr aus. Die schwarz qualmenden Fabriken am Rand von Meknès geben mir den Rest. Brechreiz. Ich kann gerade noch am Strassenrand anhalten, wie ein echter Rennvelofahrer verliere ich keine Zeit und steige nicht vom Velo ab. Übergebe mich und leere meinen ganzen Mageninhalt. Geschwächt fahren wir in die Stadt rein. Der Zufall will es, dass genau jetzt der erste Regen nach fünf Monaten Dürre einsetzt. Durchnässt, bereits in der Dunkelheit suchen wir nach einer Bleibe. Das Hotel, das wir im Reiseführer rausgesucht haben, ist dank der Hilfe eines Parkwächters schnell gefunden. Dieser hat die Unverfrorenheit, Geld für seine Dienste zu verlangen. Ob er sich dafür nicht schäme, frage ich ihn, sowas sei mir in einem islamischen Land noch nie passiert. Der Junge im Hotel dann das Gegenteil, alles andere als geschäftstüchtig. Die Velos müssen draussen bleiben. Wir bleiben mit den Velos draussen. Die Auberge de Jeunesse ist zum Glück schnell gefunden. In der Küche kochen wir uns Reis. Reis zum Znacht, zum Zmorge, Zmittag und Znacht. Mit Kartoffeln, Petit Henrys (so heissen hier die Petit Beurres), Apfelmus, Poulet. Jeweils als weicher Brei. Der Magen erholt sich aber endlich. Und von Loperamid und Motilitätshemmern, die wie ein Pfropfen wirken und verhindern, dass sich die Übeltäter verziehen können, lasse ich inskünftig die Hände.
Wir können unsere Velos bei einer französisch-marokkanischen Familie in Meknès unterstellen und nehmen den Zug nach Rabat. Das funktioniert einwandfrei. Die zweite Klasse ist sehr sauber und vergleichbar mit derjenigen in der Schweiz. Sogar sauberer und ohne haufenweise Gratiszeitungen und PET-Flaschen. Zugfahren ist in Marokko sehr attraktiv. Für wenig Geld kann man ein Round-Ticket kaufen. Die gebräuchlichste Art des Transportes sind natürlich motorisierte Fahrzeuge. Grand Taxis, Petit Taxis, Busse, Lastwagen. Erstaunt hat mich, wie riesig die Youngtimer, bzw. Oldtimer-Szene hier in Marokko ist, allen voran die Gilde der Mercedes-Fahrer.

Aber auch Esel und Maultiere sind vom marokkanischen Alltag nicht wegzudenken. Die werden hier nicht aus folkloristischen Gründen gehalten, sondern verrichten Schwerarbeit und müssen beispielsweise Felder pflügen. Der Anblick ist nicht selten hier. Einzig „la vache qui rit“ hat hier gut Lachen. Dieser Schmelzkäse gehört hier in Marokko schon fast neben Tajine, Couscous und Minztee zur Nationalspeise. Nichts zu lachen haben hingegen Schafe. Die werden hier auf Schubkarren, auf Eseln, eingepfercht in Lastwagen, in Kofferräumen transportiert. Hinten auf dem Mofa halbtot gebunden. In diesen Tagen haben sie ein besonders hartes Los. Am 6. November wird nämlich im ganzen Land Aïd el Kebir gefeiert. Ein wichtiges muslimisches Familienfest, an dem der Bereitschaft Abrahams gedacht wird, Gott zu folgen und seinen Sohn Isaak zu opfern. Marokkanische Flaggen werden in allen Ortschaften aufgehängt, Familienbesuche mit entsprechender Zunahme von Verkehr stehen an und die Tradition sieht eben vor, dass jeder Haushalt, der es sich leisten kann, ein Schaf schlachtet.


Zurück nach Rabat. Die Jagd auf die farbigen Stempel und Kleber im Pass ist eröffnet. Montag, Punkt 9 Uhr stehen wir vor der mauretanischen Botschaft. Bravo. Gerade einmal etwa 30 Personen stehen bereits Schlange. Senegalesen, Overlander, Expats, Individualtouristen, Töfffahrer. Die üblichen chaotischen Szenen, Geschubse, Geschrei, Rumfragerei, Rempeleien. Wo gibt es das Formular ? Am Schalter. Nach vorne drängeln, eines ergattern. Formular im Stehen ausfüllen. Adresse in Mauretanien ? Kein Problem, schreib einfach „Hotel Nouakschott, Nouakschott“ hin. Eine Stunde Vorgeschmack auf Mauretanien und Senegal. Die Hauptstadt Marokkos gefällt uns sehr: elegant, modern (mit einer neuen Strassenbahn), international (insbesondere Afrikaner aus dem ganzen Kontinent sind hier zu sehen), überschaubar. Wir quartieren uns in der Medina im Hotel Marrakesh ein (mit unserer Hotelwahl greifen wir wohl stets meine Route vor), essen praktisch täglich im Restaurant de la Libération, dem wohl besten Restaurant in der ganzen Medina. Um ein Bild der Preise zu bekommen: für zwei Suppen Harira, grilliertes Poulet, Brochettes, Cola und Kaffe bezahlen wir 74 Dirham, umgerechnet 7 Euro. Wir besuchen das Quartier „Kasbah des Oudaïas“, sehen uns die Hassan Moschee von draussen an. In Marokko dürfen Nicht-Muslime, anders als etwa in der Türkei oder im Iran, Moscheen leider nicht besuchen. Das Mausoleum des 1961 verstorbenen Königs Mohammed V dürfen wir wiederum ansehen. Und sogar die prachtvoll gekleidete königliche Garde abfotografieren. Die Marokkaner sind ansonsten eher fotoscheu und viele lehnen es zu meinem Bedauern leider ab, abgelichtet zu werden.

Fotomotive gibt es dafür mehr als genug im Souk, der vor allem am späten Nachmittag und abends sehr gut besucht ist. Enge Gassen, in denen sich kleine und kleinste Geschäfte aneinanderreihen. Das Angebot scheint sich zwar überall zu wiederholen, es gibt unzählige dieser kleinen Lebensmittelläden, die auf wenigen Quadratmetern einige hundert Produkte anbieten. Am Boden und auf Handwagen wird die Ware ausgelegt. Ansonsten findet sich im Souk alles Mögliche: Kleider, Babouches, gebrannte Musik-CD’s, Haushaltartikel, gedörrte Früchte, Oliven, Nüsse, jegliche Esswaren, imitierte Markenkleider. Ein Gewühl von Marktschreiern, Schneckenverkäufern, Bettlern, Schuhputzern.

Erwartungsgemäss können wir am Mittwoch das Visum abholen. Ins Taxi, zum Bahnhof, in den nächsten Zug nach Meknès, unterwegs halte ich einen Schwatz mit einem anderen Schweizer, der sich mit seiner Familie in Fès für einige Monate niedergelassen hat, um Arabisch zu lernen. Meine Arabisch-Kenntnisse sind da schon einiges bescheidener. Immerhin gelingt es mir, einigermassen auf arabisch einzukaufen und die Leute nehmen meine Anstrengungen sehr positiv auf.

In Meknès empfängt uns Nerjam, der junge Angestellte aus der Auberge de Jeunesse, freudig und umarmt uns beide. Am nächsten Tag regnet es Bindfäden und wir legen einen weiteren Ruhetag ein. Zeit, um die Stadt genauer anzusehen. Das Mausoleum von Moulay Ismail beispielsweise, dem grausamen Sultan aus dem 17. Jahrhundert. Aber auch Zeit, um im grossen Supermarkt Label Vie (ausgesprochen La belle vie…) einzukaufen, vor allem seit langem wieder einmal zwei kühle Bier. Spirituosen werden hier in einem separaten Raum feilgeboten und können dort diskret bezahlt werden, um sie nicht an den Hauptkassen auf das Fliessband ausbreiten und sich selber outen zu müsssen. Die Leute stehen etwas verstohlen im Alkoholraum herum, als wären sie einem Erotikladen und würden sich schmutzige Heftchen anschauen.
Endlich können wir wieder unsere Räder satteln. Richtung Mittleren Atlas und Azrou. Wir schaffen es nicht ganz und müssen auf der Passhöhe auf 1‘475 Metern Höhe hinter einem Hof zelten. Es wird eine kalte Nacht, um 5 Grad. Die Gelegenheit, um unsere neuen, vom Outdoor-Shop Landweg in Bubendorf gesponserten Daunenschlafsäcke zu testen. Am nächsten Morgen kommen wir keine 20 Meter weit: mein erster Platten ! Nachdem der Platten geflickt ist, können wir endlich einen Fotostopp auf dem Aussichtspunkt einlegen, danach geht es runter nach Azrou. Von hier dann wieder rauf in die Zedernwälder der Réserve Naturelle d’Ifrane. Und bereits nach wenigen Kilometern treffen wir, wie im Reiseführer vorhergesagt, auf wild lebende bzw. kopulierende Berberaffen. Danach führt ein Höhenweg auf rund 1‘800 Metern mit unzähligen Kurven durch Berberdörfer und eindrückliche Eichen- und Zedernwälder. Es finden sich immer wieder Monumente und Giganten von Zedern, 30 bis 40 Meter hoch. Mit solchen Wälder rechnet man nicht unbedingt in Marokko. Die Zedern scheinen aber hier gut zu gedeihen. Die Behausungen der Berber sind teilweise sehr schlicht: einfache Häuser mit Flachdächern, Plastikzelte. Vereinzelt betteln Kinder und verursachen mit ihren Begehrlichkeiten eher Heiterkeitsanfälle: „Donnez moi un carton“ (gemeint war wohl „bonbon“), „donnez moi un stylo rouge“ (wieso will niemand Papier?).


Die nächsten Tage sind ganz nach unserem Geschmack: praktisch kein Verkehr, wunderbare Landschaften, reine Luft. Besser als die stickige und staubige Luft unten. Wir kommen ins Berberdorf Aïn Leuh, die Sonne scheint, angenehme Temperaturen um 25 Grad. Hier können wir unsere Gemüse- und Früchtevorräte aufstocken, für 4 Dirham (rund 40 Rappen) kaufen wir Mandarinen, Äpfel, Zwiebeln, Karotten, Peperoni ein. Wir bestellen im Hotel Laayoune (diese Ortschaft liegt auch auf meiner Route…) auf dem Hauptplatz einen Kaffee. Die Maschine funktioniere nicht, meint der Kellner, es gebe aber Nescafé. Kein Problem. Er läuft schnell zum Laden nebenan, besorgt sich zwei Sachets Nescafé. Wir essen unsere Fladenbrote, mit fingerdicken Schichten Nutella. Bestellen nochmals zwei Café au lait. Der Kellner rennt wieder zum Nachbar nebenan. Nutella, die würzige Halal-Koutobia-Dinde-Wurst, Vache qui rit-Schmelzkäs, Bananen und Fladenbrot sind tagsüber unsere Grundnahrungsmittel.

Wohlgenährt starten wir den Tag. Ausgangs Azrou ruft mich ein Junge, der ganz offensichtlich ein mechanisches Problem an seinem Velo hat, laut mit „Hey“ an. Ich gebe ihm zu verstehen, dass man allenfalls Hunde derart anspricht, aber sicher nicht Menschen. Er und seine zwei Kumpanen begrüssen mich danach über freundlich und ich repariere ihm seine verbogene Kette. Wir radeln wieder durch dichte Wälder, unterbrochen durch steppenartige Hochebenen und karstigen Abschnitten. Gelb leuchten die Laubbäume, die den See Aguelmame Ouiouane umgeben.
Und dann geht es runter zu den Quellen des Flusses l’Oum er Rbia. Aus rund 40 Quellen mit kristallklarem Wasser bildet sich hier ein strömender Fluss. Leider sieht man nicht viel, denn sämtliche Quellen sind durch schäbig wirkende Verkaufs- und Verpflegungsstände zugepflastert. Zum Glück sind aber alle leer und wir ganz alleine. Es ist Montag Morgen, wir sind ausserhalb der Saison. Ein Berber vermietet uns ein einfaches Zimmer ohne Strom und Wasser, dafür mit Gasbeleuchtung, in das wir die Velos gleich hineinfahren können. Eher der Form halber drücke ich den Preis von 100 auf 80 Dirham runter. Immer noch teuer, aber uns soll es recht sein. Er ist um dieses gute Geschäft wohl sehr froh. Jedenfalls beauftragt Mohammed seine Mutter, uns am Morgen zu einem Tee einzuladen. Sie holt uns ab, wir laufen den steilen steinigen Weg rauf. In einem sehr einfachen aber sauberen Hof steht der Teppich mit einem kleinen, runden Holztisch bereits bereit. Uns wird ein stark gezuckerter Pfefferminztee serviert, ein leckeres Eieromelette, eine Schale mit Olivenöl, um das frisch zubereitete Fladenbrot darin zu tränken.


Um aus der modernen Grosstadt Beni Mellal rauszukommen, brauchen wir über eine Stunde. Es ist Wochenmarkt, der Verkehr auf der Durchgangsstrasse steht still. Weiter vorne liegt ein verletzter Velofahrer auf der Strasse und blockiert den Verkehr. Die Ambulanz wird Mühe haben, sich einen Weg hierhin zu bahnen. Der Unglückliche ist wohl angefahren worden, blutet aber zum Glück nicht. Obschon die Strasse danach flach ist, ziehen Wolken auf, ein Nieselregen setzt ein. Es herrscht reger Verkehr, die Strasse ist eng, ohne Pannenstreifen, wir werden immer wieder durch lautes Hupen auf den Schotter abgedrängt. Als ich auf der Höhe einer Primarschule Jagd auf einige steinewerfende Kinder mache, rutscht Mélanie, soeben in Sichtweite, auf dem nassen Belag aus und schlägt sich das Knie an. Der Schuldirektor lädt uns zu einem Tee ein, klärt uns über das marokkanische Schulsystem auf. Leider ziehen viele Familien ihre Kinder frühzeitig von der Schule ab. Für die Kinder mit dem weitesten Schulweg habe der Staat acht Velos gespendet. Da es aber unmöglich sei, festzustellen, wer den weitesten Weg hat und man sich nicht einigen konnte, sind die nigelnagelneuen Velos immer noch nicht verteilt worden. Wir fahren danach im Gegenwind weiter bis nach Imdahane. Hier ist das einzige Hotel noch nicht eröffnet. Bauschutt liegt noch herum, wir stolpern über Stromkabel, weder Lampen noch sanitäre Anlagen sind installiert, einzig ein Zimmer ist einigermassen hergerichtet. Duschen müssen wir im Restaurant nebenan. Immerhin sind wir die allerersten Gäste und weihen so das Hotel ein. Am nächsten Tag regnet es. Zeitweise setzen sintflutartige Regengüsse ein. Nach etlichen Kaffees , einem Schwatz mit Simo, dem 24-jährigen Besitzer und der Einsicht, das Velofahren an diesem Tag einer Selbstpeinigung gleichkommt, gehen wir zurück ins Hotel.

Ich nutze die Zeit für einen kleinen Spaziergang im Dorf nebenan, nach meiner Rückkehr fängt es wieder heftig an zu regnen und der erste Tourenfahrer, dem wir hier in Marokko begegnen, Stanislas, ein etwa 50-jähriger Franzose aus Belgien, fährt wie in Trance an mir vorbei. Er ist pflotschnass. Ich rufe ihn herbei und sage ihm, dass es hier in Imdahane, eine etwa 1000-Seelen-Ortschaft, unerwarteterweise ein Hotel gebe. Er ist sichtlich erleichtert, wäre er doch ansonsten weitere 40 Kilometer im Regen und Gegenwind gefahren. Und das um 4 Uhr nachmittags, wenn es um 18 Uhr bereits dunkel ist. Da er keine Beschriftung gesehen habe, sei er einfach weiter gefahren. Seit seiner Pensionierung 2005, als er das Familienunternehmen verkauft habe, unternehme er jedes Jahr 2 bis 3 monatige Velotouren, in die Türkei, nach St. Petersburg, auf der Balkan-Halbinsel. Zelt und Schlafsack habe er nur für den Notfall dabei, er habe es aber nie gebraucht bis anhin und wisse gar nicht, wie man das Zelt aufstelle. Bis jetzt hat er immer ein Hotelzimmer gefunden. In Marokko sei er einmal er vor einer „trentaines d’années“ gewesen, er habe aber keine Erinnerungen mehr daran. Originell finde ich seinen riesigen Stock gegen Hundeattacken, den er griffbereit in einer Hülse an der Vorderradgabel versorgt hat.


Endlich In Marrakesh angekommen, quartieren wir uns in einem kleinen Riad ein. Nachdem wir lange keinen Touristen begegnet sind, wimmelt es hier nur so von Kurzaufenthaltern. Ein Vorteil ist immerhin, dass das Angebot an sauberen und geschmackvoll eingerichteten Unterkünften riesig ist, man die Qual der Wahl und bereits für umgerechnet 20 Franken in einem Riad oder einer maison d‘hôte schlafen kann. Ein Riad ist ein Haus in der Medina, das rings um einen Patio gebaut ist, und heute oft zu Hotels umfunktioniert worden sind, auf der Terrasse kann dann morgens gediegen gefrühstückt werden. Der Riad-Hype hat hier in Marrakesh angefangen und Riads sind mittlerweile überall zu finden, aber insbesondere in der Küstenstadt Essaouira, Fès und eben in Marrakesh. Der Anschlag im April dieses Jahres auf dem Hauptplatz Djema el Fnaa im Café Argana scheint sich übrigens nicht negativ auf den Tourismus ausgewirkt zu haben. Mélanie wird von Marrakech wieder in die Schweiz zurückfliegen. Danke Mélanie für die vier tollen Wochen. Und für die organisatorische und moralische Unterstützung. Ohne Ihre Hilfe wäre ich heute nicht hier.

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Auf afrikanischem Boden

 

Mélanie kommt rechtzeitig am 6. Oktober in Malaga an. Das Velo ist am Flughafen schnell zusammengepackt, nach einer kurzen Fahrt suchen wir im Zentrum ein Hotel. Die Stadt ist nachts sehr belebt. Alle Einwohner von Malaga (wie sie in einem Wort heissen, habe ich auf die Schnelle nicht rausgefunden; Malagueña ist ein Flamenco-Thema…), besonders die weiblichen, scheinen sich herausgeputzt zu haben. Nachdem ich Landpreise gewöhnt bin, erscheint mir ein Kaffee für 2 Euro oder mehr ausserordentlich teuer. Nach einem obligaten Besuch im Picasso-Museum und einem Spaziergang kehren wir der Stadt den Rücken.


Ich freue mich, wieder mit Mélanie zu radeln. Um es mir nicht allzu leicht zu machen, hat sie mir noch zusätzlich etwa 4 Kilogramm Extra-Gepäck mitgenommen: Ersatzreifen, Malaria-Tabletten, Moskitonetz, Wasserfilter, Dollars, Afrika-Reiseführer, einen nigelnagelneuen Netbook (der alte Macbook war mir definitiv zu schwer) … und eine Liegematte, die sie noch zwei Stunden vor dem Abflug eingekauft hat. Genau an jenem Morgen hat sich nämlich meine alte Liegematte langsam zu einem Ballon aufzulösen begonnen. Mit meinen letzten Rappen auf der Prepaid-Karte konnte ich Mélanie gerade noch erreichen und die entsprechenden Instruktionen durchgeben. Service in letzter Sekunde. Danke an das Dreamteam Mélanie und Grégory !
Die Strasse von Malaga nach Algeciras ist etwas vom Schrecklichsten, das man mit dem Velo befahren kann. Die alte Küstenstrasse ist in den 70-er Jahren zu einer Autovia erweitert worden, drei Kilometer weiter nördlich führt eine neue, gebührenpflichtige und deshalb unbenutzte Autobahn. Das Wort Velo, Fussgänger und Rollstuhl gabs wohl in den 70-er Jahren noch nicht oder es passte nicht zu der damals utopischen Sichtweise. Velostreifen ? Nicht die Spur. Mélanie und ich versuchen zunächst, hinter den Leitplanken einen Weg zu finden. Der Streifen zwischen den Leitplanken, Abschrankungen und Lichtmasten ist aber derart gering, dass wir öfters die Packtaschen abnehmen müssen. Wir verlieren zu viel Zeit und stürzen uns dann irgendwann mal zähneknirschend auf die Horrorautobahn.
Unvorstellbar. Womöglich noch mit EU-Geldern mitfinanziert, um die „Entwicklung“ dieser Randregion voranzutreiben. Was mich besonders nervt ist, dass absolut keine Anstrengungen ersichtlich sind, um die Scharte auszuwetzen und beispielsweise einen Velo-Fussgängerstreifen zu bauen. Ein englisches Paar kann ebenfalls nur den Kopf schütteln, die Frau ist im Rollstuhl. Kompliment an die Spanier: besser kann man eine Küste nicht verunstalten und unattraktiver machen. Immerhin attraktiv genug für Billig-All-inclusive-Reisende und solche, die sich in Marbella einer Schönheitschirurgie unterziehen wollen. Oder im Entenschritt gruppenweise blindlings in Mélanies Velo laufen. Mélanie faucht Touristen an und ich zeige den Autofahrern, die uns von der Strasse abdrängen wollen, den Stinkefinger.


Eine ganz andere Klientel peilt Sotogrande an: luxuriöse Wohnungen an einem künstlich angelegten System aus Kanälen, in denen sich die Sportboote aneinander reihen. Villen, ein perfekter Belag, grüner Rasenstreifen am Wegrand, wie man ihn an keinem Camping findet. Entsprechend das Angebot: Golf, Polo, Puerto, Playa und eine spezialisierte Herzklinik. Der Zutritt ist überwacht, nur durch eine Barriere gelangt man hinein in diese Enklave. So stelle ich mir etwa Miami vor.


Gibraltar lassen wir uns nicht entgehen und ist durch den steil aus dem Meer aufragenden Felsklotz, der im Altertum als einer der beiden mythischen „Säulen des Herkules“ galt, auch nicht zu übersehen. Wir können nun wenigstens behaupten, Fuss und Veloreifen auf britischem (oder englischem ?) Boden gesetzt zu haben. Wirklich gelohnt haben sich die wenigen Kilometer dorthin nicht wirklich. Zwei Dinge haben mich aber beeindruckt: erstens die grosse dunkle Wolke, die einsam über dem „Rock“ hing und einem das Wetter dort wirklich englisch vorkam: kühl und windig. Zweitens die Fluglandebahn, die parallel zur Grenze Gibraltar-La Linea de la Concepcion führt. Diese wird für den gesamten Verkehr geschlossen, wenn eine Landung oder ein Abflug bevorsteht. Was für die Zaungäste natürlich ein Spektakel ist, wenn ein Flieger in wenigen Metern Entfernung abhebt. Nach dem Spuk werden die Zäune geöffnet und die Massen von Duty-Free-Touristen strömen wieder zu Fuss und motorisiert über das Rollfeld des Flughafens. Ansonsten fühlt man sich in „Gib“ wirklich in England: Fish and Chips, Kinder in Schuluniform und Polizisten, die Rollerfahrer büssen, weil sie die Schnalle unter dem Helm nicht zugemacht haben.
In Algeciras quartieren wir uns im arabischen Viertel ein. Das ist schon sehr marokkanisch geprägt. Im Hotel Tetouan, eine billige Absteige, aber gut überwacht durch den Boxer am Empfang, der jeden Gast anspringt und anbellt. Endlich geht es dann am nächsten Tag auf den Catamaran, der uns in einer Stunde nach Ceuta führt. Seit dem 16. Jahrhundert und zusammen mit Melilla weiter im Osten eine spanische Enklave. Seit der Unabhänigkeit Marokkos im Jahre 1956 ist sie dies auch geblieben. Spanien sieht keinen Widerspruch darin, Gibraltar zu beanspruchen aber Ceuta den Marokkanern nicht zurückgeben zu wollen. Der Grenzübertritt gestaltet sich trotz der vielen Menschen mit übervollen Taschen, der Hektik, den verbeulten, stinkenden und schrottreifen Autos, problemlos. Wir sind gewarnt davor, dass Marokkaner uns „registrations forms“ andrehen wollen, die normalerweise nichts kosten.
Die Strasse bis nach Tetouan ist breit, mit einem grosszügigen Velostreifen. Palmen und Grünstreifen säumen den Weg. Wichtig für den ersten Eindruck. Strassenputzer befreien die Strasse von Dreck und Scherben. Daneben eine breite Fussgängeralle, mitfinanziert durch eine marokkanische Telekom-Firma. Kein Vergleich zu Spanien. In Tetouan machen wir zunächst einen Halt in der Nouvelle Ville, um unseren ersten Pfefferminztee zu trinken. Danach tauchen wir in das Gewühl der Altstadt und der Medina ein. Und quartieren uns in der heruntergekommenen Pension Africa ein. Trotz hartnäckigen Verhandlungsversuchen gelingt es mir nicht den Preis weiter zu drücken und bezahle 100 Dirham (rund 9 Euro). Immerhin werde ich danach zu einem Tee eingeladen, während sich die Anwesenden und ein Künstler aus Andalusien Haschichpfeiffen rauchen und sich die Birne so richtig zunebeln. Ein Angestellter scheint wohl in seinem Leben zu viel von diesem Zeugs geraucht zu haben, trägt er doch bereits deutliche psychotische Züge, führt Selbstgespräche und benimmt sich etwas sonderbar.

Der erste Kulturschock ist verdaut. Als Einführung in Marokko eignet sich Chefchaouen, die Stadt mit den blau getünchten Fassaden, da schon viel besser. Nichts wie dorthin. Die Michelin-Karte im Masstab 1: 1 Million lässt viel Raum für Überraschungen. Fragen ist nicht immer sehr ergiebig. So variiert die Distanz von Tetouan bis nach Chefchaouen von 20 bis 120 Kilometer (die Mitte trifft hier zu..) und ist von sehr flach bis sehr gebirgig (Letzteres bekamen wir zu spüren). Dazwischen liegen tatsächlich über 1‘000 Höhenmeter. Es steigt, und steigt. Auch das Thermometer. Mélanie ist um zwei Uhr Nachmittags sichtlich erschöpft.
Chefchouen ist 1471 gut versteckt zwischen Berghügeln des Rif-Gebirges gegründet worden. Viele während der Reconquista aus der iberischen Halbinsel vertriebene Araber und Juden haben sich hier niedergelassen. Die Lage ist strategisch ausgezeichnet. Auf der einen Seite durch Berge versteckt, die kristallklares Wasser liefern. Zahlreiche Brunnen finden sich in den Gassen der Medina. Vom Tal aus war die Stadt nicht zu sehen. Bis 1920, als spanische Truppen die Stadt belagerten, haben gerade einmal nur drei Europäer die Stadt zu Gesicht bekommen: einer während einer Stunde, der zweite wurde vergiftet und der dritte, Walter Harris, Times Journalist, hielt seine Beobachtung im Werk „Land of an African Sultan“ fest. Die Spanier staunten nicht schlecht, als sie entdeckten, dass die Juden hier eine mittelalterliche und längst ausgestorbene Form des Kastilischen sprachen. Heute ist Chefchoauen eine angenehme Stadt, anders als in anderen Städten wird man nicht konstant belästigt und von Händlern und Mittelsmännern angesprochen.


Das Haschisch-Rauchen scheint hier in Marokko, besonders im Norden, eine Art Volkssport zu sein, hat aber tatsächlich eine jahrhundertealte Tradition. Zwar verboten, aber mehr als toleriert unter Marokkanern. Der süsse, schwere Duft weht uns überall in die Nase. Bereits 1809 beschrieb James Grey Jackson in „An Account of the Empire of Morocco“ dies folgendermassen: „The Hashisha, or leaves of the plant, are dried and cut like tobacco, and are smoked in very small pipes, but when the person wishes to indulge in the sensual stupour it occasions, he smokes Hashisha pure, and in less than half an hour it operates; the person unter its influence is said to experience pleasing images: he fancies himself in company with beautiful women; he dreams that he is an emperor, or a bashaw, and that the world is at his nod.“ Was Lotfi, ein guide de montagne, dabei empfindet, wissen wir nicht. Jedenfalls ist er sehr hilfsbereit, führt uns zu einem günstigen Hotel in Chefchaouen und gibt uns Hinweise, wo wir gut essen können. Ohne danach für diesen Dienst die hohle Hand zu machen. Am nächsten Morgen machen wir an einem kleinen Platz an einem Kaffee früh ab, trinken zusammen einen Kaffee. Er zündet sich einen fetten Joint an. Eher schüchtern fragt er uns, ob wir eine Trekkinghose für ihn hätten. Nein, ich schenke ihm aber meinen alten Feldstecher, der seine besten Tage (auf meiner Tibet-Reise) hinter sich hat.


Wir bleiben vier Tage in Chauen, wie die Marokkaner sagen. Mélanie hat eine Grippe und bedarf noch etwas Erholung. Bei der Essensaufnahme sind wir etwas zu unvorsichtig und verlassen unsere zwei Stammlokale und probieren das Restaurant Paloma aus. Ein englisches Paar steht bereits bei der Suppe und dem Salat empört auf. „Lousy food“. Wir finden die Reaktion völlig übertrieben. Wir haben auch Suppe und Salat bestellt, die sind wirklich nicht sehr gut, aber der Hauptgang und die Preise stellen alles in den Schatten. Grottenschlecht. Im Ergebnis hatten sie absolut Recht. Als Geschenk gibt es für mich dafür noch den ersten Durchfall, wohl unvermeidlich auf solchen Reisen. Oder war es doch von der „friture de poissons“ am nächsten Tag ?

Jedenfalls sind wir auf der Fahrt nach Ouezzane beide nicht topfit, danach leide ich. Trotz frühem Start muss ich bereits um elf Uhr hinter einem Stück Mauer hinliegen, Mélanie macht mir einen kühlen Verband. Nach einer Stunde siechen wir uns in der Mittagshitze bis zur nächsten Ortschaft Jorf-el-Melha, das Normaltouristen nur vom Bus aus zu sehen bekommen. Es scheint uns, dass nur wenige Marokkaner, insbesondere jüngere, hier und anderswo der französischen Sprache mächtig sind. Zwar mache ich Fortschritte auf arabisch, aber um das Wort „riz“ zu übersetzen, bedarf es eines Kollegen, der es per Handy übersetzt. In dem unfreundlich wirkenden Ort gibt es kein „funduk“, kein Hotel. Also noch einige Kilometer weiter, hinter einer Tankstelle gesellen wir uns zu Hühnern, Kühen, Knochenresten und Misthaufen. Im Stehen ist mir der Gestank nicht allzu negativ aufgefallen. Vielleicht waren wir auch zu sehr beschäftigt, um unseren Reis mit Karotten und Knoblauch zu kochen. Im Liegen wird mir aber nachts ordentlich übel. Dafür sorgt der freundliche „guardien“ der Tankstelle für unsere Sicherheit. Erschöpft legen wir uns um 20.10 bereits im Zelt zum Schlafen.
Es geht danach aufwärts, vor allem die Strecke steigt wieder an. Nochmals 400 Höhenmeter. Wieder in der Mittagssonne. Aber eine Pilgerfahrt nach Moulay Idris ist nun halt kein Zuckerschlecken bzw. Couscousessen. Moulay Idriss el Akhbar ist ein wichtiger Nachfahre vom Propheten Mohammed und in Marokko der meistverehrte Heilige. Sein Schrein und die ganze Anlage sind Nicht-Muslimen leider nicht zugänglich. Bis 2005 war es diesen sogar verwehrt, hier zu übernachten. Ungewollt habe ich ein Fünftel einer Pilgerfahrt nach Mekka absolviert. Denn eine Pilgerfahrt nach Moulay Idris ist nämlich soviel wert.

Langweilig wird es uns in Moulay Idris aber nicht, denn es gibt das bis anhin beste Grillfleisch zu kosten und derart gestärkt in vier Kilometern Entfernung Volubilis zu besichtigen. Eine riesige, beeindruckende römische Stätte. Weltkulturerbe. Aber die Welt scheint sich nicht dafür zu interessieren, das archälogisch wertvolle Kulturerbe zu erhalten. Nur wenn Hollywood wieder eine tolle Kulisse braucht, ist man zur Stelle. So auch Martin Scorsese für den Film „The last temptation of Christ“. Angesichts der zahlreichen Touristen täuschen die wenigen Angestellten Beschäftigung vor, schaufeln etwas Erde in eine Schubkarre, schaufeln diese wieder zurück oder lesen versteckt Zeitung. Wer kann es ihnen verübeln, bei den Hungerlöhnen von 50 Dirham pro Tag (ca. 5 Euro)? Die Beschriftungstafeln sind unleserlich, das Café zum Davonlaufen und die zum Verkauf angebotenen, verblichenen Bücher stammen aus den 80er-Jahren. Bis zur Islamisierung wurde übrigens in Volubilis noch Lateinisch gesprochen und die Stätte war bis zum 18. Jahrhundert besiedelt, als danach der Marmor weggetragen wurde, um es in Meknes für andere Bauten zu rezyklieren.

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Cortezas de cerdo – immer mit cerveza !

In Spanien habe ich das Tempo erhöht. Seit Carcassonne, das heisst seit dem 21. September habe ich mir bis Malaga, wo ich am 6.10. am Flughafen meine Freundin Mélanie in Empfang genommen habe, keinen Ruhetag gegönnt. In der Regel bin ich um die 100 Kilometer am Tag gefahren. Etwas unterschätzt habe ich die Höhenmeter. Obwohl die Landschaft eher flach wirkt und die Michelin-Karte weder Steigungen über 5 % noch viele “puertos” (gemeint sind Pässe, nicht Häfen) verzeichnet, geht es meistens auf und ab, selbst an der Küste sind 1’000 Höhenmeter an einem Tag keine Seltenheit. Viele “falso llanos”, Steigungen von wenigen Prozenten, zwei, drei Kilometer rauf, dann wieder runter.

 

Die Fahrt ist zwar nicht ausserordentlich spektakulär, wohl bedingt durch die Routenwahl “kurz und direkt”, sodass ich die grün verzeichneten Nebenstrassen der Michelin-Karte vernachlässige.  Aber nicht unangenehm. Sie führt durch die Regionen Katalonien, Aragon, Castilla La Mancha und Andalusien. Einige landschaftliche Höhepunkte gibt es dennoch. Und wegen der Hitze und der  körperlichen Anstrengung sicher eine gute Trainingseinheit. Um meinen Wasser- und Salzhaushalt auszugleichen, trinke ich literweise kühlen Gazpacho aus dem Supermarkt. Ich habe auch angefangen, legale Substanzen wie O.R.S. einzunehmen: oral rehydration salt, Mineralsalze, um einen dehydrierten Körper wieder aufzupeppeln. Gibts günstig in der Apotheke. Und ist viel billiger als die teuren Elektrolyt-Getränke.

In Katalonien fahre ich durch endlose Pfirsichplantagen. Danach, das heisst in Aragon und Castilla la Mancha, sind Mandel- und Olivenbäume vorherrschend. Ein eniziger riesiger Selbstbedienungsladen, vor allem die Mandeln haben es mir angetan. In Kastillien herrscht gerade reger Betrieb rund um die Cooperativas agricolturas. Weinernte. Bauern mit ihren Traktoren mit Anhängern stehen Schlange, um ihre Ernte abzuladen. Einer erzählt mir, dass er rund 40 Ladungen abliefern werde. 3 bis 4 Ladungen pro Tag, alles von Hand geerntet. 12 Tage wird er benötigen.

Auffallend zu Frankreich ist in Spanien die Vielzahl an Bars und Kaffees. In jeder noch so kleinen Ortschaft findet sich eine Bar. Entsprechend ist auch der Kaffee einiges besser. Er wird, wie in Italien, überall mit der Kolbenmaschine gemacht. Herrlich, mehrere Male täglich halte ich an, um einen café con leche, einen café cortado oder einen café solo zu geniessen und mit Spaniern ins Gespräch zu kommen. Dass in vielen Bars der Abfall einfach auf den Boden geworfen wird, stört mich nicht. Auch nicht, dass in der einzigen Bar einer kleinen Ortschaft irgendwo im tiefen Castilla La Mancha trotz Rauchverbot gepafft wird, während der Grosse Preis von Shanghai in voller Lautstärke gesendet wird (und Schumacher einem anderen von hinen auffährt). Dass hingegen die Serviertochter  bzw. -mutter, knochenhartes Brot serviert, finde ich weniger unterhaltsam. Es sei halt Sonntag, meint sie, und die Bäckerei habe geschlossen.

In den Bars komme ich oft ins Gespräch mit Menschen. Das Dorf Manzaneruela hatte zum Glück eines. Ich habe vorher wild gezeltet und gehofft, meinen Morgenkaffee dort einnehmen zu können. Einige Arbeiter haben sich eingefunden und verdrücken ihre halben Meter langen bocadillos. Der pensionierte Julio Anton erzählt mir, dass er den Militärdienst in der Westsahara geleistet habe. Viel habe er dort aber vom Land nicht gesehen. Es sei daher eine gute Sache, was ich da mache. Das erste, was er nach der Pensionierung gemacht habe, war, sich Computer und Internet zu besorgen, um mit der Aussenwelt in Kontakt zu bleiben. Wir tauschen die E-mail Adressen aus und nach einer Runde Schnaps löst sich die Runde auf und jeder geht seines Weges.

Einmal werde ich sogar der Zechprellerei beschuldigt. Nachdem ich schön brav den Kaffee bezahlt habe, packt mich der Besitzer an der Schulter und meint, ob ich Kaffe und Croissant bezahlt habe. Ich schaue ihn ruhig an und meine nur “Que ? Tengo cara de ladro ?” Sehe ich aus wie ein Dieb ? Pappnase. Hatte wohl schon ein paar Bierchen zuviel am Morgen.

Spanien tickt anders, die Siesta ist nach wie vor heilig. Und irgendwie scheint es auch immer heiss zu sein in der Mittagszeit. Ich habe volles Verständnis für die Spanier. Je weiter südlich man sich bewegt, desto später scheinen die Öffnungszeiten zu sein. Konnte man in Katalunien um 16 Uhr bereits wieder Einkäufe tätigen, wird es in Andalusien schon 17 oder sogar 17.30 Uhr, bis die Mittagspause rum ist. Auf der anderen Seite hat das den Vorteil, dass man noch um 15 Uhr ein menu del dia bestellen kann. In Frankreich bereits um 13 Uhr ein Ding der Unmöglichkeit. Gibt es für 8 bis 10 Euro. Drei Gänge inklusive Getränk und Kaffee. Das gönne ich mir ab und zu auf die Gefahr hin, dass danach höchstens noch ein Verdauungsspazierfährtchen drin liegt.

In der Minenstadt Escucha treffe ich auf Paco und Joaquin, 68 und 82 Jahre alt. Mit 18 Jahren sind beide in die Grube arbeiten gegangen, vierzig Jahre lang. Trotzdem wirken beide sehr heiter, munter und lebensfroh. Heute wird hier nicht mehr Kohle abgebaut. Das Kohlekraftwerk im Ort, das wie viele andere Kohleberg-Städte eher trostlos ausschaut, wird vom benachbarten Andorra geholt. Um die 3’000 Euro verdiene heute ein “minero”, damit lasse sich in Spanien gut leben.

Ob der 35-Jährige Ibrahim aus Mali, den ich im Dorf La Mata de los Olmos kennenlerne, ebensoviel verdient, entzieht sich meiner Kenntnis. Er scheint aber im Dorf gut aufgenommen worden zu sein. Er zeigt mir den alten Brunnen, der kürzlich renoviert wurde und den alten Waschplatz.

Meistens zelte ich wild. Ich stehe vor Sonnenaufgang auf (um rund 7:15) und radle meistens bis eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang (um rund 20:00), um so möglichst lange auf dem Rad sitzen bzw. radeln zu können. Obwohl ich meistens gut versteckt bin, vermeide ich es sicherheitshalber, in der Dunkeheit Licht zu machen.l Einmal zelte ich mit einem anderen Tourenfahrer, Sean Kane. Einem Engländer, der fast zwei Jahre in Südamerika geradelt ist. Ich hatte ihn in Carcassonne kurz getroffen. Wir sind nicht lange zusammen gefahren (er ist durch Frankreich und Spanien mit einem einzigen Gang gefahren, da sein Schaltauge gebrochen ist und er keinen Ersatz fand). Wir sind uns aber immer wieder begegnet. Vor Albacete rauscht an einer Ortschaft, wo ich gerade Halt mache, eine Dreiergruppe pensionierter Velofahrer vorbei. Nichts wie hinterher ! Trotz einiger Steigungen kann ich sie nach 5 Kilometer endlich einholen. In einer Abfahrt haben sie dann mit meinem Schwergewicht und der Physik keine Chance mehr. “Eres un fenomeno”, meint Manolo. Wir fahren dann zusammen bis nach Albacete, wo ich zu Tapas und Bier eingeladen werde und danach aus Albacete hinaus eskortiert werde.

Die Morgenstimmungen sind wunderbar, wenn die ersten Sonnenstrahlen die kommende Hitze ankünden. Wildes Zelten oder Wildzelten heisst natürlich auch, dass man ein Stück Weit in der Wildnis ist. Einmal, als ich um 2 Uhr morgens aufstehen möchte, um meine Blase zu leeren, geht mir der Brunftschrei eines röhrenden Hirsches, der keine hundert Meter weit steht, durch Mark und Bein. Ich mache mir fast in die Hosen, nicht weil ich Angst habe, sondern weil ich nicht das Zelt verlassen kann. Er könnte mich ja für eine Hirschkuh halten… Bis um 5 Uhr morgens sucht er (wohl) vergebens nach einer Partnerin. Ein röhrender Hirsch, Milchstrasse und Sternschuppen: wer braucht da noch einen Fernseher, um unterhalten zu werden ?

In Caralavaca de la Cruz mache ich eine unangenehme Bekanntschaft mit einer anderen spanischen Spezialität: cortezas de cerdo. Die Übersetzung auf der Packung ist nicht sehr hilfreich: auf Englisch “fried pork rind”, auf Deutsch “fried chicharrones”. Sehen aus wie Chips, frittierte Schweinefleischrinde oder so ähnlich. 70 % Protein und 23 % Fett. Toll, denke ich mir, eine gute Eiweissquelle. Ich kaufe mir also diese Dinger im Supermarkt, wo es leider kein gekühltes Bier gibt und auf der Suche nach nach dem kühlen Nass stopfe ich mir in Krümmelmonster-Manier schon mal den Mund mit  diesen Dingern voll. Und dann bleibt mir die Spucke weg. Mein Hals fängt an zu schwellen, entzündet sich, ich kriege plötzlich keine Luft mehr, ich kann nicht einmal husten, der Hals ist wie zugeschnürt. Das kann doch nicht sein, jetzt einfach nicht in Panik geraten. Zum Glück ist auf der gegenüberliegenden Seite eine Imbissbude, ich renne rein und bringe nur noch das wort “kkola” raus. Gerettet ! Ein Junge meint, dass sei normal, diese Leckerbissen seien staubtrocken und man geniesst sie am besten mit Bier. Also, seid gewarnt ! Oder esst lieber Churros con chocolate. Ach ja, bekannt ist übrigens Caravaca de la Cruz als Heilige Stadt der Katholischen Kirche. Das Doppelkreuz aus der Basilica prägt das Stadtbild. Und toll ist, dass den Velopilgern sogar ein Denkmal gewidmet wurde, wobei der Bildhauer dem Velo durchaus ein paar Sacochen hätte verpassen können. Aus Luft und Glauben alleine kann er nicht überleben !

In Lorca ergibt sich dann wieder die Möglichkeit, bei einem Velofahrer, den ich über das Netzwerk Warmshowers kenngelernt habe, zu übernachten. Miguel und Teresa sind sehr gastfreundlich und obschon ich am nächsten Tag wieder weiter muss, geniesse ich die Zeit bei Ihnen sehr. Sie sind selber lange in der Türkei und in Marroko geradelt und geben mir einige Tips. Muchas gracias, Miguel y Teresa ! Lorca ist einigen vielleicht noch durch das Erdbeben vom 11. Mai 2011 bekannt. Die Schäden sind augenfällig. Überall Baugerüste, Mulden, zerstörte Fassaden, verlassene Häuser. Das Erdbeben war zwar nicht stark. Weil das Epizentrum aber nur rund einen Kilometer tief unter der Stadt lag, waren die Schäden beträchtlich.

Im Parque Natural Cabo de Gata dann endlich wieder eindrückliche Landschaften. Eine wilde zerklüftete Küste, unterbrochen durch kleine und versteckte Sandstrände. Schon sehr wüstenhaft. Hier und in der nahe gelegenen Wüste von Tabernas sind zahlreiche Filme gedreht worden. Etwa Szenen aus Indiana Jones und zahlreiche Spaghetti-Western. In Agua Amarga werde ich von einer Gruppe Velofahrer, die soeben einen Orientierungslauf mit Mountainbikes beendet haben, eingeladen. Einer ist Metzger und hat kiloweise Wurstwaren und bocadillos gebracht. Keine Frage, was ich dann zum Nachtessen gegessen habe.

In der Gegend um Almeria hingegen fährt man mitten durch zwei Meere: links das Mittelmeer, rechts ein Meer aus Plastik. Kilometerlang ziehen sich die invernaderos, die Treibhäuser hin. Es ist die weltweit grösste Anbaufläche unter Folie. Ein riesiger Wintergarten. Leere Plastiksäche mit Aufschriften wie “sulfato potassico” oder dergleichen finden sich hier und da. Pestizide kommen hier reichlich zum Einsatz. Und auch Schwarzarbeiter und Schwarzafrikaner. Erbärmliche Behausungen, natürlich aus Plastik, davor einige Schafe und Ziegen. Die ganze Szenerie wirkt irgendwie beängstigend. Auch finden sich ab und zu Schilder “Paraja Natural”, die eigentlich die Grenze zum Naturpark markieren sollten. Wen kümmert’s ? Die Gewinne, die mit dem Treibhausgemüse gemacht werden, sind beträchtlich. Der grösste Teil der Ernte wird exportiert, aufgekauft durch die grossen Lebensmittelhandelsketten.

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Tashi Delek !

Auf tibetisch hat mich der Franzose hier oben nicht gegrüsst. Immerhin entspricht er aber dem Bild, das man landläufig von einem Franzosen hat.

Seit dem 10. September bin ich alleine unterwegs. Zuerst fahre ich Richtung Cévennen. In Orange mache ich nur für einen Espresso Halt. Für die Sehenswürdigkeiten und Sightseeing in der Hitze habe ich keine Musse. Weiter geht’s am AKW Marcoule vorbei. Ich mache mir Gedanken über die Atomenergie, über Fukushima, darüber, dass man gemeinhin über die Herkunft von Uran und unter welchen Umständen  es abgebaut wird, nicht viel weiss. Augen verschliessen und auf die lange Bank schieben. Das Uran der Bombe von Hiroshima stammte angeblich aus dem Kongo. Nur wenige Stunden später wird es hier explodieren und ein spanischstämmiger Arbeiter wird verbrennen.

Ich streife die Cévennen, eine Landschaft, die zusammen mit den Causses, den Kalk-Hochebenen, von der Unesco als Weltkulturerbe geschützt wurden. Eichen- und Kastanienbäume herrschen vor. Und langsam zeigen sich auch die ersten Pilze, insbesondere Satans- oder Hexenröhrlinge – meine rudimentären Pilzkenntnisse reichen leider nicht aus, um diese auseinanderzuhalten. Ich lasse lieber die Finger davon. Zwei Jünglinge auf einem Roller, der eine mit Helm mit Satanshörnern, überholt mich einige Tage später. Beide haben je einen Korb voller Pilze. Ich halte sie an, sie schenken mir ein halbes Kilo Röhrlinge und Steinpilze. Ihr Vater habe am Vortag 32 Kilogramm geerntet.

Die Causses sind ausgedehnte Kalkplateaus im Süden des Zentralmassivs. Im Süden öffnen sie sich zu den Ebenen des Départements Hérault und des Bas Languedoc. Karge Hochplateaus, gigantische Canons und Klüfte. Tief eingeschnittene Täler kontrastieren mit den kargen Hochebenen, die an die Steppen Zentralasiens erinnern. Zahlreiche Dolmen, Menhire und Steinzirkel zeugen von der frühen Besiedlung dieser Gegend. Regenwasser wird vom Kalkboden wie ein Schwamm aufgesaugt. Wie bei uns im Jura finden sich hier riesige Höhlen. Die Causses sind ein bevorzugtes Gebiet für die Schafhaltung. Die Milch wird zu Käse verarbeitet, der weiter nördlich in den berühmten Kellern von Roquefort-sur-Soulzon reift.

Ein besonders eindrückliches Exemplar einer solchen Karstlandschaft sind die Cirques de Navecelles. Ein 300 Meter tiefer Canon, darin findet sich eine durch einen Fluss natürlich geschaffene Pyramideninsel. Am Rande der Weiler Navecelles.  Vor 10 Millionen Jahren begann ein Mäander des Flusses Vis, sich einzuschneiden, um vor rund 6000 Jahren sein Werk zu beenden und sich einen anderen Weg zu suchen. Ich campe direkt am Aussichtspunkt, um am Morgen die ersten Sonnenstrahlen fotografisch einfangen zu können.

In Le Caylar erwarten mich Françoise und Hubert, die ich durch das Tourenfahrern vorbehaltenem Netzwerk Warmshowers kennengelernt habe. Ich bin an der richtigen Adresse. Le Caylar war seit  jeher ein wichtiger Durchgangsort für Reisende zwischen Nord und Süd, gelegen zwischen den weniger verkehrstauglichen Cévennen im Westen und den Monts du Haut-Languedoc im Osten. Es fing mit der Transhumanz an und kulminiert heute in der Autoroute A 75, eine der wichtigsten Verkehrsadern zwischen Nordeuropa und der iberischen Halbinsel. Den Verkehr bekomme ich in Le Caylar zu spüren, die Autobahn ist für wenige Stunden gesperrt, Durchreisende quälen sich durch das Dorf mit 425 Seelen.

In Le Caylar findet jährlich das Festival du Roc Castel statt, das einen Schwerpunkt auf das langsame Reisen gelegt hat. „Éloge du voyage lent“ lautet das Motto des diesjährigen Festivals. Klar, dass Velofahrer überproportional vertreten sind. Einer fehlt jedoch unfallhalber am Festival. Und so nimmt Hubert telefonisch mit Gérard Kontakt auf, da er ebenfalls in Afrika Rad gefahren ist (www.zagafrica.fr) . Hubert unternimmt zwar nur kleinere Velotouren in Europa, ist ansonsten aber in vielen Reise-Netzwerken angeschlossen und hat Freude daran, Veloreisende und allgemein Reisende aufzunehmen. Er vermittelt mir noch viele weitere Kontakte. Ganz nebenbei kann ich auch noch seine Kochkünste ausprobieren. Allerlei regionale Spezialitäten tischt er auf, unter anderem Roquefort-Würste, Crême fraiche mit Marronipaste und entsprechenden Wein. Françoise et Hubert, merci pour votre accueil et votre précieuse aide !

Kurz vor Mittag breche ich auf. Keine 13 Kilometer komme ich weit. Von Weitem fällt mir auf einem Hügel eine Installation mit Flaggen auf. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Habe ich letztmals in Tibet am heiligen Berg Kailash gesehen. Und tatsächlich: ein tibetischer Tempel eingebettet zwischen den bewaldeten Hügeln. Was für ein Zufall ! Ich werde sofort an meine Tibet-Reise von 2006 erinnert und bin ganz entzückt.

Julien arbeitet im kleinen Verkaufslokal, er schenkt mir spontan ein vom Dalai Lama geknüpftes Band, zeigt mir trotz Besucherverbot die ganze Anlage und lädt mich zum Essen ein. Die Leute arbeiten hier hauptsächlich als „bénévoles“, erhalten Kost und Logis und Unterricht in Meditation und der buddhistischen Lehre. Die Belegschaft der Freiwilligen stammt aus aller Welt, entsprechend international ist die Atmosphäre geprägt. Aussenstehende können hier ebenfalls verweilen, die Ruhe geniessen und meditieren. Ich beschliesse, in der Nähe zu zelten. „De bonne augurues“, sei dies, dass ich hier an diesem Ort gelangt bin. Er schenkt mir ein vom Dalai Lama geknüpftes Band. Lérab Ling ist einer der grössten tibetischen Tempel in Europa , 850 Meter hoch gelegen. Der Blick reicht bis zu den Pyrenäen. Im August 2008 hat der Dalai Lama den Tempel eingeweiht.

Am nächsten Tag suche ich einen geeigneten Platz, um in der Wildnis zu zelten. Da ich nichts Geeignetes finde, fahre ich bis zur Ortschaft Verreries-de-Moussans.  Zwei Freundinnen, Célia und Frédérique, lassen mich im Garten zelten. Meine tibetischen Gebetsflaggen am Velo fallen ihnen sofort auf. Beide sind tibetische Buddhistinnen. Ihre beiden tibetischen Schosshunde bewachen mein Zelt. Die Gebetsflagge, die ich am Vortag gekauft habe, übergebe ich ihnen als Geschenk.

Der Vorzug einer Veloreise zeigt sich in den kleinen Begegnungen. Etwa in Lunas, wo eine Variante des Jakobsweges durchführt, und wo ich mit einem anderen Velofahrer ins Gespräch komme. Christian aus Lyon, der in den letzten 25 Jahren regelmässig nach Burkina Faso gereist ist, um dort mehrere Wochen als Freiwilliger zu arbeiten, ist begeistert. Die beiden älteren Damen nebenan, 78 und 90 Jahre jung, meinen, wir hätten uns viel zu erzählen gehabt. Sie erzählen mir ihre Geschichte. Ihr Vater sei aus Spanien ausgewandert, seither leben sie hier in Lunas.

In Carcassonne lege ich zwei Ruhetag bei Yves, einem Couchsurfer, ein. Yves ist Lehrer und hat einiges zu erzählen. Er ist Vater dreier erwachsener Kinder. Er hat Lebens- und Reiseerfahrung und entsprechend viel zu berichten. Auch hat er während Jahren in Hamburg gelebt und spricht perfekt Deutsch. Er weist mich darauf hin, dass Couchsurfing eine moderne Variante von Servas ist, dessen Erfolg mit der Verbreitung des Internet zusammenhängt. Demgegenüber hat Servas an Mitglieder eingebüsst. Zusammen mit Kerstin, einer deutschen Psychologiestudentin, besichtigen wir die Festung „La Cité“, wandern entlang am Canal du Midi, führen gute Gespräche und kochen zusammen. Yves, Danke vielmals für die tolle Gastfreundschaft !

Noch zwei Tage bis zur spanischen Grenze. Ich gehe nicht in Andorra über die Pyrenäen, da ich zuviel Verkehr befürchte, sondern weiter südöstlich über den Col de la Perche, zuerst an den beeindruckenden Gorges de St. Georges vorbei. Es ist nicht aussergewöhnlich, dass Leute aus Toulouse am Wochenende nach Andorra fahren, um sich mit Zigaretten einzudecken, die halb so viel kosten wie zuhause. Ich fahre die Passstrasse hinauf, dummerweise kann ich wegen der Hanglage nirgends zelten und muss in die Nacht hineinfahren, bis ich endlich hinter einem verlassenen Gebäude mein Zelt aufschlagen kann. Zum Kochen ist es zu spät. Ich verdrücke rasch etwas Salami, Käse und Brot.

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Allez Richard !

Rufen mir Jan und Jan beim Abschied zu! Einen Bergpreis werde ich zwar nicht gewinnen, dennoch bin ich noch voller Eindrücke der zehn Radeltage durch wunderbare Gegenden Frankreichs zusammen mit Jan und Jan, die leider zu Ende sind. Seit dem 10. September bin ich wieder alleine unterwegs. Die Berge und Hügel der Rhônes-Alpes und der Provence liegen hinter mir.

Wir entscheiden uns für den Col de la Croix de Fer, 2067 Meter hoch. Mit einer Durschnittsgeschwindigkeit um die 8 km/h fahren wir langsam aber beständig rauf. Unterwegs machen wir eine Kaffeepause, lehnen dankend den Kräuterschnaps Génepi ab. Wir werden gewarnt, dass am Nachmittag heftige Gewitter aufziehen sollen. Im Skiort St. Sorlin-d’Arves wird es nochmals richtig steil, danach fangen die Serpentinen an. Und auch ein leichter Nieselregen fängt an, unangenehm zu werden. Er wird stärker , noch 3, dann 2 Kilometer bis zur Passhöhe. Ich wäge ab: es lohnt sich nicht mehr die Regenjacke hervorzuklauben, ich bin eh schon nass. Zum Glück ist es nicht allzu kalt. Also rauf im Regen und auf der Passhoehe  in das Restaurant rein.

Jan ist bereits im Trockenen. Zum Glück ist es nicht sehr kalt und zu unserer Erleichterung lässt der Regen nach einer wohlverdienten Tasse Kaffe nach. Nebelschwaden ziehen an uns vorbei. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch und lässt magische Lichtstimmungen entstehen.

Nach dem Col de la Croix de Fer gönnen wir uns einen Ruhetag. Ganz untypisch in einem alten Wohnwagen, der auf einem Campingplatz steht. Jan mit seinen rund 1.90 Metern fühlt sich darin nicht so richtig wohl. Es soll aber regnen und den ganzen Tag warten wir darauf, dass es anfängt. Erst in der Nacht kommt dann der Regen. Macht nichts. Dafür können wir in der Sonne unsere Velos unterhalten.

Die Alpe d’Huez lassen wir aus. Vielleicht besser so. In der Zeitung lesen wir, dass ein Norweger auf der Abfahrt (mit dem Rennvelo wohlverstanden) unglücklich ausrutscht, unter ein entgegenkommendes Fahrzeug gerät und sich schwer verletzt. Die Alpe d’Huez ist, klärt mich Jan auf, „de nederlandse berg“. Tatsächlich haben, was die Etappensiege bei diesem Berg erster Kategorie angeht, die Niederländer die Nase vorn. Ein niederländischer Pfarrer soll zudem die Kirche im Dorf eingeweiht haben (oder so ähnlich…). Jeder zweite Niederländer weiss, wie viele Spitzkehren die Bergstrasse hat. Jedenfalls wimmelt es nur so von Niederländern. Nebenan vom Campingplatz wird sogar ein Hotel-Restaurant auf niederländisch geführt. Am Vortag wollen wir dort essen, die Serviertochter antwortet uns in gebrochenem Französisch: „je demander d’abord au coq !“. Aha ! Der Hahn ist aber schon zu Bett gegangen und will nicht mehr krähen bzw. kochen. Also zurück in das Wohnmobil aus der Epoche von Louis de Funès. Zwiebel, Rübli, Tomatenmark und Spaghetti ergeben ratz-fatz ein nahrhaftes Menü.

Frankreich hat so seine Eigenheiten. Eine davon scheint zu sein, dass die Franzosen fast durchwegs zuhause nur Filterkaffee trinken. Jan hat seine liebe Mühe, trotz riesiger Auswahl entsprechend gemahlenen Kaffee für seine Espresso-Maschine zu finden. Die andere Eigenheit ist, dass viele Geschäfte, insbesondere Epiceries in kleineren Ortschaften, am Mittwoch Nachmittag schliessen. Weil am Mittwoch schulfrei ist.

Die Fahrt mit Jan und Jan gestaltet sich sehr angenehm, Tempo und Tagespensum passen. Die Landschaften sind abwechslungsreich. Wir wählen, bezogen auf die Michelin-Karte, nur weisse oder gelbe Landstrassen, vorzugsweise zusätzlich grün (für landschaftlich reizvolle Strecken) gefärbt. Und solche, die durch Nationalparks führen. Etwa durch den Parc National des Ecrins. Oder den Parc Naturel Régional du Vercors. Kurvenreiche Strecken, sehr wenig Verkehr (ausser ein paar Motorradfahrer, die Jan alles andere als liebt…), tolle Landschaften.

Was eine Velotour durch Frankreich zu einem Erlebnis macht, ist sicher die Tour de France oder besser gesagt der Velosport, der den Franzosen viel bedeutet. Und was noch angenehmer ist, das gute Essen. Wir verwöhnen uns jeden Abend mit neuen Rezepten. Meistens gibt es eine Gemüsepfanne, Pasta und Käse. Und natürlich eine Flasche Wein. Unterwegs kaufen wir direkt vom Hof Ziegenkäse bzw. Tome ein. Zusammen mit einer Baguette ergibt das ein herrliches Mittagssnack.

Wir leben wie Gott in Frankreich. Einmal fragen wir Einheimische, ob wir im Garten zelten können. Zunächst noch etwas skeptisch, doch Albert und seine Ehefrau tauen sehr schnell auf, haben eine Riesenfreude an der Abwechslung der niederländisch-kanadisch-schweizerisch-italienisch-spanischen Gesellschaft. Albert bringt uns einen Campingtisch und Stühle raus. Danach trinken wir noch gemeinsam Tee. Frische Verveine aus dem Garten. Albert mag ihn gar nicht und macht keinen Hehl daraus. Albert und seine Ehefrau kennen sich seit der Schulzeit, beide sind Urgrosseltern, waren Schullehrer.

Heute sei die „rentrée“, Schulbeginn nach den Sommer-Ferien, gewesen. Das haben wir mitbekommen. In der Schlagzeile der Tageszeitung „Dauphiné Libéré“  war die Rede von  12 Millionen Kinder und Jugendliche, für die wieder der Halb-Ernst des Lebens anfängt.  Irgendwie merkt man, dass Albert und seine Frau Lehrer waren. Man hört ihnen gern zu: „prennez cette route, vous allez vous régaler; non, le prochain col n’est pas méchant !“ Ausser im Winter, wenn sie in einer Wohnung in Grenoble sind, leben sie im schönen Landhaus von Albert, das bereits 300 Jahre alt ist und wo er zur Welt kam. Unsere Gespräche werden durch das neue Haustier unterbrochen: eine chauve-souris, eine Fledermaus, flattert durch die Küche. Seit zwei Tagen sei sie hier drin. Im Zelt sollen wir keine Angst haben, höchstens ein Dachs werde sich bemerkbar machen. Dachs auf französisch: le blaireau. Blaireau und vélo: der mehrfache Tour de France Sieger Bernard Hinault kommt ins Gespräch. Am nächsten Tag gibt uns Albert noch eine Flasche Wein mit: „Pour l’amitié.“ Sie bedanken sich nochmals, dass wir sie mit unseren Reiseerzählungen für ein paar Momente in die weite Welt entführen konnten. Merci à vous !

Unzählige Cols befahren wir, kleinere und grössere. Und ganz langsam ändert sich auch die Landschaft. Plötzlich ockerfarbene Steinhäuser mit hellblauen Fensterläden. Und dann ein angenehmer provenzalischer Duft: Thymian, Rosmarin, Lavendel. Lavendelfelder so weit das Auge reicht. Obschon die Ernte bereits vorüber ist, duftet es wie in einem Kräuterladen. Es gibt anscheinend zwei Arten von Lavendel: la lavande vraie ou fine und le lavandin. Erstere ist die noblere Variante, die zweite ist die ergiebigere. Beides ergibt jährlich 1’000 Tonnen ätherisches Öl lavandin und 90 Tonnen Öl lavande.

Hier ein paar Links:

www.routes-lavandes.com

www.grandes-traversee-alpes.com

www.lavande-provence-aoc.com

Le „géant de la Provence“, dieser eigenartige Berg, windumtost, steinig und kahl, ohne jegliche Vegetation am Gipfel. Le Mont Ventoux. Noch so ein legendärer Berg der Tour de France. Wer hält den Rekord ? Marco Pantani ? Tragisch die Etappe 1967, an der kurz vor dem Gipfel Thom Simpson an einer Herzattacke starb. Hitze, Anstrengung, Müdigkeit und – angeblich Doping – waren zuviel des Guten.

Unglaublich wie beliebt dieser Berg bei Velofahrern ist. Es ist Freitag und es wimmelt nur so von Velofahrern. Von ganz verbissenen mit aalglatt rasierten und braungebräunten, sehnigen Beinen bis hin zu bierbäuchigen Gestalten mit hochrotem Kopf auf City-Bikes, die ihr Gerät mehr stossen als fahren. Was für uns nicht in Frage kommt. Jan fährt zur Hochform auf und erniedrigt einige Rennvelofahrer, indem er sie mit vollbeladenem Fahrrad überholt. Ich fröne meiner Leidenschaft, dem Fotografieren, und büsse dies nach jedem Fotohalt mit brennenden Beinen. Allez Richard ! Nach dem Mont Ventoux campen wir nochmals zusammen, in Malaucène verabschieden wir uns dann. Danke Jan und Jan für die tollen gemeinsamen Tage ! Das war ein unvergesslicher Start für mein bevorstehendes Abenteuer !

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Im Paradies der “cyclo-grimpeurs”

In Lausanne gibt es zunächst einen Empfang durch den Stadtpräsidenten, den Syndic Daniel Brélaz. Von der Korpulenz und seiner Kravatte mit Katzen-Motiv her unverwechselbar. Der Empfang findet auf der Place de Palud statt, Punkt 10 Uhr fängt das Glocken- bzw. Soldatenspiel vor dem Brunnen an, wir warten daher. Obschon Mélanie und ich am Morgen rechtzeitig abfahren, unterschätzen wir etwas die Lausanner Steigungen. Wir schaffen es aber rechtzeitig, Marie von Helvetas wartet bereits auf uns. Der Empfang selber, ganz in der Nähe des Büros von Helvetas in der Rue de la Mercerie, fällt sehr sympathisch, unkompliziert aber dennoch feierlich aus. Ein Glas Waadtländer Weisswein gehört selbstverständlich dazu. Danach gibt es Kaffee im Büro der Helvetas. Danke Marie für die Organisation.

Danach nimmt Mélanie – zum Glück nur für wenige Wochen – Abschied von mir und steigt in den Zug nach Liestal ein. Ich statte den ehemaligen Lausanner Arbeitskollegen im Schadendienst noch einen kurzen Besuch ab. Um 14.30 dann endlich los Richtung Genf, wo ich eine Kollegin aus der Kunstgewerbeschule treffe. Ich habe sie seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen und es die Gelegenheit, kurz ein, fast zwei Jahrzehnte Revue zu passieren. Brigitte, merci beaucoup pour l’accueil sympa !

Kurz vor Veyrier sorgt ein Helvetas-Plakat für zwei Begegnungen. Als ich mein Velo vor dem Plakat ablichten möchte, grüsst mich ein Afrikaner, in rasanter Fahrt mit einem Kickboard etwas zu und zeigt auf das Plakat. „Yeahhh, je trouve ça bien ça, super !“. Ich frage ihn, woher er stamme. Aus Benin. Ja, dahin will ich hin. Er ist völlig aus dem Häuschen, schüttelt mir die Hand, kann es kaum glauben, gibt mir die Adresse seiner Tante in Cocotomé, was soviel heissen soll: Wald voller Kokosbäume. Ein Marokkaner auf einer Harley mit cooler Sonnenbrille und glitzerndem Helm fragt mich danach ganz scheu, ob ich Profifotograf sei. „Nein, wieso ?“ Er wolle seinem Sohn gerne ein Foto von sich und seiner Harley schenken. Vor dem Helvetas-Plakat posiert er trotzdem gerne für mich. Shukran !

Östlich von Annecy werde ich nächstentags von Jan und Jan erwartet. Ich habe sie 2006 in Kirgistan kurz vor der Grenze zu China nach dem Irkeshtam-Pass kennengelernt. Wir sind danach zusammen mit einem belgischen Paar nach Kashgar gefahren. Und seither haben wir den Kontakt aufrecht erhalten und sind in der Schweiz ein paar Alpenpässe und letztes Jahr von Amsterdam in die Schweiz gefahren. Sie sind soeben von einer über sechsmonatigen Velotour in Südostasien, China und der Mongolei zurückgekehrt (www.bikehiker.com) und eskortieren mich nun noch eine Weile, bevor sie sich in der Genfersee-Region niederlassen.

Um einen Monat lang einem Sprachunterricht in Annecy besuchen zu können, haben sie ein Appartement in Thônes gemietet. Die Besitzer, Laurent und Nadia, laden uns spontan ein, bei Ihnen zu übernachten. Wunderbar ! Die Nachbarn Thierry und Bernadette werden auch eingeladen und weitere Gäste kommen hinzu. Ein Barbecue mit viel Fleisch und ein Tisch voller Salate ist das Richtige, um in Form zu kommen. Laurent und Nadia leben in Thônes in einem sanft renovierten Bauernhaus, vermieten zwei niedliche Gästezimmer (www. gite-belfer.com), kennen sich in der Honigproduktion, Herstellung von Poterie und dem Pilzesammeln bestens aus und haben eine gesunde Lebenseinstellung.

Danach starten wir zu Dritt und nehmen wohlgenährt und gestärkt die ersten Hügel der Haute-Savoie in Angriff. Zunächst ein paar unbekannte und kaum grösser als den Chilchzimmersattel im Baselbiet, den Col de Marais, den Col de l’Epine. In Albertville, bekannt durch die Olympia-Winterspiele 1992, machen wir kurz Halt. Danach Camping im Tal. Am nächsten Tag dann der erste grosse Anstieg. Kräftezehrende 1’600 Höhenmeter mit vollbeladenem Velo. Aber wir schaffen es bis zum Col de la Madeleine auf 2’000 Metern. Und Jan verflucht all die Motorradfahrer. Nach einem selbstgekochtem Espresso, Käse und Brot geht es wieder runter. Um die Felgen zu schonen, halte ich vier, fünf Mal an und kühle sie mit Wasser ab.

Heute hatten wir einen Ruhetag. Oder auch nicht. Schuld daran war WiFi im Camping. Der moderne Reisende meint, alles im Vornherein organisieren zu müssen. Und so bleiben wir etwas zu lange im Netz hängen. 20 Kilometer fahren wir dennoch bis zur „La Maurienne, le plus grand domaine cyclable du monde“, wie für diese Stadt ganz unbescheiden Stadt Werbung betrieben wird: Saint-Jean de la Maurienne , dem „paradis des cyclo-grimpeurs“. So lange wie der Name sind auch die Alpenpässe, die von hier starten: Col de la Croix de Fer, Alpe d’Huez, Col du Galibier, Col du Télégraphe, Col de l’Iséran. Unverkennbar, dass diese Stadt eng mit der Tour de France und dem Velosport verbunden ist.

Überall Velos. Vor allem Rennvelos. Als Velo-Toureros sind wir hier eher die Ausnahme. In einem etwas in die Jahre geratenen Veloladen, „Cycles Solaro“, fallen mir handgemachte Laufräder auf. Die Speichen sind gebunden aber nicht gelötet. Alle würden löten, nur er könne dank spezieller Technik ohne Löten binden. Meine Aussage, wonach heutzutage handgemachte Laufräder mit gebundenen Speichen eine Rarität seien,  kommt nicht ganz an. Trotzdem zeigt uns Tonda Louis stolz seine Werkstatt, sein selbst konstruiertes Rennrad fürs Zeitfahren, ein Foto mit persönlicher Widmung von Jacques Anquetil, einer Ikone der Tour aus den Sechziger-Jahren. Seit 65 Jahren fahre er Rad. Und heute morgen sei er auch unterwegs gewesen, mit einem 38er-Schnitt, allerdings sei es ein bisschen windig gewesen. Jan packt die Gelegenheit beim Schopf und lässt sein ausgeleiertes Tretlager auswechseln.  Mal schauen, wo wir überall das neue ausprobieren werden. Bis dann !

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Ein heisser Start

Bezogen auf die Temperaturen. Sicher eine gute Einstimmung auf den heissen Kontinent. Aber schweisstreibend und anstrengend. Und wie vor über fünf Jahren, als ich mit dem Velo nach Tibet aufbrach, wurde mir auf dem Anstieg von Rothenfluh nach Anwil bange. “Mamma mia, wie will ich das bloss schaffen ?” Das Gepäck fühlt sich tonnenschwer an. Die Hitze, auf welche die Schweiz seit längerem gewartet hat, ist erbarmungslos. Am liebsten würde ich bloss mit einer Unterhose reisen.

Die letzten Wochen waren mit Wohnungsauflösung, letzten Vorbereitungen, Abschieds-Grillfest und Abschied nehmen intensiv. Zum Glück reichte es wenige Tage vor der Abfahrt doch noch zu einer “gemütlichen” Ausfahrt mit dem Rennvelo zusammen mit Andy. Ueber  1’000 Höhenmeter trieb er mich durch das Baselbiet und am Schluss gab es noch Hochprozentiges: der 20 % Anstieg von Eptingen nach Läufelfingen. Danke, Andy !

Mélanie, die mich bis nach Lausanne begleitet, ist nicht traurig darüber, dass wir die erste Woche gemütlich angehen. Trotzdem wird es fast 11 Uhr, als wir am Montag, dem 22.8.2011 von einem engen Kreis von Freunden und meiner Mutter vor dem Brunnen auf dem Zeughausplatz starten. Nach über 1’000 Höhenmetern und etwa 8 Litern Wasserverbrauch pro Kopf kommen Mélanie und ich endlich in Zürich an. Gabriela, die Freundin von Beat, empfängt uns sehr herzlich und bereitet uns ein feines Znacht vor. Beat habe ich in Kashgar während meiner Tibet-Reise kennengelernt. Als einziger Radler von all denen, die sich im Chini Bagh Hotel eingefunden hatten, fuhr er nicht nach Tibet sondern nach Pakistan über den Karakorum Highway ( Hier geht es zu seiner Seite). Vor wenigen Tagen ist er in die Staaten gereist, um sich auf den Iron-Man Hawaii vorzubereiten. Beat, Dir viel Erfolg und vielen Dank für die tolle Gastfreundschaft an Dich, liebe Gabriela !

In Zürich bereitet Helvetas mir einen warmen und herzlichen Empfang vor. Helvetas Geschäftsführer Melchior Lengsfeld und Stadtrat Daniel Leupi halten eine kurze und bewegende Rede. Daniel Leupi eskortiert mich sodann bis zum Central-Platz. Hier geht es zum Newsletter von Helvetas.

Nun, die heissen Sommertemperaturen geben danach die Route vor. Wir lassen vom Vorhaben ab, noch einige Alpenpässe einzubauen. Was sich als vernünftig herausstellt, denn ich will es nach meinem Unfall vor drei Monaten ohnehin langsam angehen. Alles zu seiner Zeit. Zunächst also in die Kühle des Sihlwaldes, wo die erste Camping-Übernachtung ansteht. Und gleich die Feuertaufe für mein neues Zelt, denn abends beim wohlverdienten Bier fängt es heftig an zu gewittern. Danach suchen wir stets die Nähe von Seen auf, um im Bedarfsfall eine Abkühlung zu nehmen.

Gelegenheit, um auf mein Vorhaben und mein Spendenprojekt mit Helvetas aufmerksam zu machen, gibt es ebenfalls. In Zug an einem Kiosk am Strand lacht mich beispielsweise ein rotes Portemonnaie auf einer Sitzbank an. Jemand hat es ganz offensichtlich liegengelassen. Mit Hilfe eines Passanten und dessen Iphone finden wir rasch die Telefonnummer heraus. Die gute Frau weiss zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht, dass ihr die Brieftasche abhanden gekommen ist. Als Finderlohn bedinge ich mir nicht etwa eine Zuger Kirschtorte per express nach Ougadougo – zu gegebener Zeit – heraus, sondern “Tilgung durch Leistung an einen Dritten”, sprich durch eine Spende an Helvetas. Besten Dank, Frau S. !

Dass Wasser lebenswichtig ist aber auch seine Tücken haben kann, finden wir am Thunersee heraus. Kurz vor Spiez halte ich es nicht mehr aus. Kurzerhand parke ich mein Velo auf dem Rasen, klettere zwei Meter die grossen Steine runter und springe nackt in den See. Mélanie will mich abfotografieren. Ihren Drahtesel hat sie dabei etwas zu nahe am Rand des Rasens geparkt, der Ständer versinkt im weichen Boden und das ganze Velo mitsamt Packtaschen dreht sich auf die Seeseite und fällt ins kühle Nass. Im Adamskostüm versuche ich zu verhindern, dass das Velo ganz ins Wasser fällt und schreie, da Mélanie ohnehin die Kamera in der Hand hält: “Schiess ein Bild, mach schon !” “Nein, nein, retten wir zuerst das Velo !”.

Von Spiez geht es weiter Richtung Simmental und Diemtig, dort wo der Schwingerkönig Kilian Wenger beheimatet ist. Endlich dann ein erstes Höhentraining. Der Jaunpass mit rund 1’500 Metern steht uns bevor. Das Wetter hat umgeschlagen, oben auf dem Pass ist es 11 Grad kalt. Anstatt einer erfrischenden Glace gibt es deshalb eine heisse Gulasch-Suppe. Von Bulle bis nach Lausanne stehen wieder einige Höhenmeter an. Doch das Training der letzten Tage macht sich langsam bemerkbar und trotz etwas Müdigkeit kommen wir bei Sonnenschein in Lausanne an. Hier können wir bei Marc-Olivier, einem Freund von Vincent, übernachten. Nach der wohlverdienten Dusche improvisieren wir einen Teller Pasta.

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Es geht immer noch weiter…

Zum Glück. Denn ich hatte sehr aufmerksame Schutzengel. Was man drei Monate vor der Abreise am wenigsten braucht, ist ein böser Velounfall. Samstag, 21.5.2011, blendendes Wetter, ideal für eine Ausfahrt mit dem Renner über den Passwang. Die Autofahrer scheinen an diesem Samstag etwas zu spinnen, zwei Mal werde ich in einem Kreisverkehr fast abgeschossen. Beim dritten Mal könnte es schiefgehen, geht es mir einen Sekundenbruchteil durch den Kopf.  Auf der Passhöhe hole ich einen anderen Velofahrer ein, wir tauschen einige Worte aus, ich kontrolliere, dass mein Helm gut angezogen ist, nach den Serpentinen warte ich auf ihn, wir fahren für kurze Zeit nebeneinander, bis ich merke, wie von hinten ein Schatten auftaucht. Ich beschleunige auf ca. 45 km/h, der andere Velofahrer reiht sich im Windschatten hinter mir ein. Die Strasse ist leicht abschüssig. Der Jeep mit Pferdeanhänger überholt uns dann langsam, einige Meter vor mir schwenkt er langsam wieder auf die rechte Seite der Fahrbahn ein. Ich denke mir: “Der hat den Überholvorgang beendet, die Luft ist rein”.

Dann geht alles sehr schnell, nur ganz wenige Sekunden vergehen. Weder der hinter mir fahrende Velofahrer noch ich sehen je die Blink- oder Bremslichter leuchten. Und tatsächlich geht der Idiot voll auf die Bremse. Der Kollege hinter mir hat die Lunte geruchen, kann noch rechtzeitig bremsen, ruft mir “Pass auf !” zu. Trotz Notbremsung realisiere ich, dass ich sogleich zum Dummy mutieren werde, kann den Kopf noch einziehen, und knalle mit der Vorderkante des Helmes voll in den Anhänger rein. Ich schlage beide Knie auf, instinktiv lasse ich den Lenker los und versuche mit beiden Händen nach irgendetwas am Anhänger zu greifen. Nach einigen Metern kommt dann der Bauer zum Stillstand und ich falle zu Boden. Der Bauer kümmert sich zunächst um seinen Schafsbock hinten im Anhänger, der es überlebt hat, ich auch zum Glück. Mein Gesicht fühlt sich warm an, ist blutüberströmt. Der Nacken tut weh. Mir ist klar: wenn ich mir jetzt was gebrochen habe, werde ich dieses Jahr nicht mehr starten können. Im Spital werde ich in die Röhre geschickt. Nach Analyse der Computertomographie dann endlich Entwarnung: weder am Schädel noch an der Halswirbelsäule etwas gebrochen. Puuuuuuhhhh !!! Der Bauer hat nun eine Strafanzeige am Hals und tut sich keinen Gefallen, als er dem Polizist gegenüber äussert, dass er ja am arbeiten sei und wir (die beiden Velofahrer) Freizeit hätten und  daher besser aufpassen müssten. Eigenartige Logik.

Das Velotraining konnte ich erst vor Kurzem wieder aufnehmen. Physiotherapie und Krafttraining sind jetzt angesagt. Es geht mir aber wieder schon sehr gut und ich kann den Hals praktisch beschwerdefrei wieder bewegen. Die Vorbereitungen laufen ansonsten auf Hochtouren. Reiseinfos sammeln, Homepage auf Vordermann bringen, Gespräche und Kontakte mit Helvetas, Partnern,  Sponsoren und Medien. Die Ausrüstung ist fast komplett. Vieles konnte ich beim Outdoor-Laden “Landweg” in Bubendorf beziehen, der mich während dieser Reise sponsert. Das neue Material habe ich teilweise bereits getestet (um danach sofort die Veloschuhe gegen ein anderes Fabrikat einzutauschen).  Zusammen mit Wolfgang, einem Radlerkollegen, den ich letztes Jahr in Norwegen kennengelernt habe und der einen Extrabogen gemacht hat, um mich vor der Abreise nochmals zu sehen, kurven wir fachsimpelnd zwei Tage in den Freibergen des Jura umherum. Unsere Erkenntnisse: wir wissen, woher Didier Cuche stammt und in welcher Käserei 18 Monate alter Gruyère gekauft werden kann.

Nachdem ich einige Tage Strand und Sonne mit Mélanie genossen habe, werde ich diese Woche die Wohnung auflösen. Tja, und dann sind die Tage gezählt bis zur Abreise Ende August.

 

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Es geht weiter…

Ich werde auf dieser Homepage über meine neue Reise nach Afrika, die Vorbereitungen dazu und das Spendenprojekt mit HELVETAS berichten.

Auf der rechten Spalte kannst Du dich für den Newsletter anmelden, damit Du in Zukunft keine Artikel verpasst.

Einige Eindrücke aus der Afro-Pfingsten in Winterthur:

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Diavortrag im Kino Sputnik !

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Auf Veloreise im Veloplus

… am 5. Dezember 2008. Weitere Termine:

Freitag, 9. Januar 2008, Laden Veloplus Ostermundigen
Freitag, 23. Januar 2008, Laden Veloplus Emmenbrücke

Infos unter http://www.veloplus.ch/events.asp?id=62

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Auf der Seidenstrasse bis zum Himalaya

Handy-Bildergalerien

Schweiz-Tuerkei

Iran-Zentralasien

Tibet-Indien

 

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Es ist vollbracht !

Annähernd 150 Gäste haben meinen Diavortrag vom 12. April in der Aula des Burgschulhauses in Liestal besucht. Der Abend ist gelungen, die Stimmung war ausgezeichnet, ich konnte viele alte bekannte Gesichter treffen. Auch meine Reisebekanntschaften Stefan und Melinda (in Usbekistan angetroffen), Andreas Kramer und Kathrin Achini (in Tajikistan begegnet) sowie Silvio Giroud aus Fribourg (in Tibet auf dem Paiko-Tso-Shortcut kennengelernt) waren anwesend. Nochmals herzlichen Dank an alle, die Interesse für meinen Vortrag bekundet haben. Ich werde den Vortrag sicherlich nochmals zeigen, Details folgen sobald als möglich.






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Diavortrag

Die Diaschau dauert ca. 90 Min, davon etwa ein Drittel live kommentiert, der Rest mit Musik untermalt. Es werden 640 Dias mit zwei Überblend-Projektoren gezeigt.

Lageplan Aula Burgschulhaus in Liestal
(Klicken zum Vergrössern)

Ein kleiner Vorgeschmack:

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Tibet-Kalender 2008

Jetzt liegt er vor: der neue Tibet-Kalender, hergestellt in Lhasa in Zusammenarbeit mit Elke, einer deutschen Studentin, die ich in Tibet kennengelernt habe. Format A3 aufgeklappt. Exemplar gefällig?

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Vorschau

Knapp 200 Diafilme sind nun gesichtet, eine erschlagende Menge an Bildern, die verdaut und verarbeitet werden wollen. Einige Scans vorab, um auf die bevorstehende Diaschau im nächsten Winter schmackhaft zu machen. Es gibt allerdings noch viel zu tun…

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Ich bin wieder hier !



Seit einigen Wochen bin ich nun wieder zuhause, zurück von meiner langen Reise. Schneller als erwartet habe ich mich wieder hier eingelebt, nicht zuletzt dank des Chienbäse. Ein Bewerbungsschreiben, ein Vorstellungsgespräch und schon anfangs März eine neue Stelle bei einer Versicherung. Der Kulturschock blieb mir bei meiner Rückkehr nach Europa bzw. nach Paris nicht erspart. Mit meinen abgelaufenen Veloschuhen und abgegriffenen Kleidern kam ich mir in der französischen Metropole etwas schäbig vor.


Meine Reise ist also – physisch – zu Ende. Ein Leben lang wird sie in meinem Kopf rumgeistern und mich jeweils für kurze Momente in die weite Welt entführen. Anstatt eines abgegriffenen Zuckerbeutelspruches ziehe ich ein bisschen Statistik vor:

17’373 gefahrene Kilometer (rund 7.5 Millionen Radumdrehungen)

(so sieht ein Schwalbe Marathon XR nach 11’880 Km aus)

343 Tage unterwegs, 115 Tage ohne Radfahren (Ruhe- und Krankheitstage, Sightseeing, Visumsbeschaffung etc.)

19 Platten

(Service beim Chini-Bagh Hotel in Kashgar/China)

1’171 Stunden auf dem Sattel (sieben Wochen Tag und Nacht nonstop)

18 bereiste Laender: Schweiz, Italien, Slovenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien-Montenegro, Bulgarien, Griechenland, Türkei, Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadjikistan, Kirgistan, China (Xinjiang, Tibet), Nepal, Indien, Vereinigte Arabische Emirate (eine Nacht in Dubai), Frankreich

(wenige Meter trennen uns noch von China)



10.5 Stunden betrug der laengste Radeltag:
von Torbat-e Heydariyeh nach Mashhad, den ganzen Tag kämpfte ich gegen den Wind an, zur Abwechslung einen Platten, erst um zehn Uhr abends erreichte ich den mörderischen Stadtverkehr von Mashhad, um Mitternacht hatte ich endlich eine Unterkunft gefunden)

174 Km: die längste Tagesetappe (Brescia-Gardasee-Verona-Vicenza-Castelfranco Veneto)

47 Tage mit einem Pensum von mehr als 100 Km

(Kleidervorschrift in Iran)



14.8 km/h: Gesamt-Durchschnittsgeschwindigkeit

23 km/h: die hoechste Tages-Durchschnittsgeschwindigkeit (die Abfahrt runter nach Kashgar)

6.52 km/h: tiefste Durchschnittsgeschwindigkeit (in 6:09 Stunden satte 39 gefahren, oder besser gesagt gestossen, als es vom Guge Kingdom im Sutley-Tal in Tibet wieder rauf ging zum tibetischen Hochplateau)

19 Tage die laengste Etappe ohne Ruhetage: von Kashgar bis nach Ali/Shiquanhe (Westtibet), dazwischen einige spektakuläre Pässe, so der Chiragsaldi (4’980 M), Kirgizjangal (4’950 M), Kosbel (4’290 M), Khitai (5’190 M), Satsum La (5’350 M), Qieshan La (5’400 M). Der Kudie Pass war mit 3’300 M. der einzige “3’000-er” Pass.

(Holzsammeln in der baumlosen tibetischen Hochebene ist nicht gerade einfach)

5’400 M.ü.M. der hoechste mit dem Velo gefahrene Pass (Qieshan La) ; zu Fuss wars der Drölma La (5’700 M.üM.) auf der Umrundung des Berges Kailash in Tibet

1’725 Höhenmeter die grösste erklommene Höhendifferenz an einem Tag: Savognin-Julierpass-Pontresina-Berninapass

3’008 Hoehenmeter: die laengste Abfahrt an einem Tag, von Nyalam (Tibet) – Zhangmu – Barabise (Nepal)

260 Dollar die teuerste Uebernachtung: im Hotel Continental in Dubai (aufgrund des verpassten Anschlussfluges von der Emirates Airline übernommen)


(ein typischer Truckstopp in Tibet)

50 Grad Celsius: höchste Temperatur (Dasht-el Kavir Wüste im Iran)

5 befahrene Wüsten: Dasht-el Kavir (Iran), Karakum (Turkmenistan), Kizilkum (Usbekistan), südlicher Rand der Taklamakan (Xinjiang/China), tibetisches Hochplateau

800 Franken geschätzte Kosten für Visas und sonstigen Permits


(der Gegenwert von 100 Dollars in usbekischen Som)

billigster Benzinpreis: in Turkmenistan, im Bereich von wenigen Rappen

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Ein (be)sinnliches Erlebnis

Stephane und ich machen uns auf den Weg nach Indien. Letztmals waren wir vor genau drei Monaten auf dem Aksai Chin Hochplateau zusammen unterwegs. Das blaue Tor mitten in der dichtbesiedelten Ortschaft zeigt uns an, dass wir indisches Hoheitsgebiet betreten. Zollbehoerden sind keine auszumachen. Erst nach 100 Metern finden wir eingepfercht zwischen Kraemerladen die Immigrationsbehoerden. Nachdem wir den ueblichen Fackel ausgefuellt haben, sind wir offiziell in Indien, im Bundesstaat Uttar Pradesh, sechs Mal so gross wie die Schweiz. In UP, wie der Bundesstaat in Indien genannt wird, leben 166 Millionen Menschen, so viel wie in Frankreich, Italien und Spanien zusammen !

PLEASE HORN

Es stellt sich bald heraus: Velofahren in Indien ist spannender als jedes Videogame ! Man ist stets bedacht, von den Tata-Lastwagen nicht in den Graben gedraengt zu werden. Es wird nicht situativ gehupt, sondern praeventiv. Busse und Trucks druecken durchgehend auf die Hupe, wenn sie eine Ortschaft durchfahren. Diese verdammten Hupen sind ohrenbetauebend und gehen uns schon sehr bald auf die Nerven. Der Laermteppich in Staedten ist nicht auszuhalten. Man weicht Velofahrern, Rikshas, Autorikshas, Bussen, Autos und den heiligen Kuehen aus, die sich alle gleichzeitig bemerkbar machen wollen, obschon der Vekehr oft stillsteht.

Die Fahrraeder der Marken Herkules, Hero, Atlas und Avon sind nicht zu unterscheiden: Einheitsgroesse, schwarz, ein Gang. Gemaechlich schlendern die vielen Velofahrer mit 15 Kilometer pro Stunde ihres Weges. Das Spiel wiederholt sich einige Male: ein Inder will es uns zeigen, ueberholt uns und versucht, uns abzuhaengen. Wir nutzen moeglichst lange den Windschatten aus, bis der Inder irgendwann voellig ausser Atem in eine Nebenstrasse abzweigt. Ansonsten eignen sich schwerbeladene Traktoren gut als Schrittmacher.

Bis nach Delhi wird die Strasse topfeben sein. Rohrzuckerplantagen zieren die eintoenige Landschaft. Am Morgen herrscht oft eine neblige Stimmung. Dies vermag die Augenfaelligkeit der Ueberbevoelkerung und der ausgedehnten Armut nicht zu verschleiern. Die wuchernden Slumsiedlungen, oft zwischen Bahngeleise und Strasse gelegen, spotten jeder Beschreibung. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, rennt nicht von Flughafen zu Bahnhof zu Hotel zu Sehenswuerdigkeit und bekommt so die Facetten des taeglichen Lebens hautnah zu spueren. Abfallberge liegen ueberall herum, in denen Kinder und Frauen zusammen mit Kuehen, ausgemagerten Strassenkoetern und Schweinen nach etwas Ess- oder irgendwie Brauchbarem herumstochern. Kanaele und Fluesse sind pechschwarz gefaerbt. Die Luft ist dreckig. Meine Nase sieht abends wie nach einem Chienbaese aus ! Schon bald plagt mich ein hartnaeckiger Reizhusten, verursacht durch den Staub.

Bei jedem Halt werden Stephane und ich von lethargischen Schaulustigen umzingelt. Sehr wenige laecheln oder sprechen uns an. Obschon Indien waehrend rund 200 Jahren eine indische Kolonie war und Englisch nebst Hindi Amtssprache ist, beherrschen auf dem Lande nur sehr wenige Englisch. Wuerden wir die Inder nicht anlaecheln oder uns zu einem Spaesschen hinreissen lassen, verkaeme die Anglotzerei zu einer fuer uns peinlichen Angelegenheit. Wenn dann einer endlich den Mund auftut, ist oft nur ein undeutliches Lallen zu vernehmen. Umso deutlicher zeichnet sich dafuer eine rotbraune Masse in den Mundwinkeln ab: das Paan.

In Indien wie in ganz Suedchina und Suedostasien ist das Kauen der Betelnuss auesserst beliebt. Die zerhackten Nuesse werden mit Gewuerze, oft auch Tabak, in ein Blatt eingerollt und tel quel im Mund zerkaut. Der ueberschuessige Speichel wird am Boden und an Hauswaenden gespuckt. In engen Gassen sind die Waende bis zur Kniehoehe dunkelrot gefaerbt. Leider hilft das Paan nicht gegen Muecken. Mancherorts sind sie eine richtige Plage. Gegen diese laestigen Viecher scheint kein Kraut gewachsen zu sein, keine Radlerhose scheint dick genug zu sein. Ich kann nur hoffen, dass sich keine Anopheles-Muecke unter den Plagegeistern befindet.

Einladungen sind eher selten. Umso erfreuter sind wir, als uns ein junger Inder zu sich nach Hause einlaedt und uns sein Anwesen zeigt, in dem vier Generationen unter einem Dach leben. Ein anderes Mal laedt uns ein muslimischer Baba, der vor einer in Bau befindlichen Moschee Wache haelt, zu einem Tee ein. Um den Schrein eines Maertyrers faellt eine Frau in Ekstase. Ihre Schreie lassen uns aufzucken. Die boesen Geister sollen vertrieben werden. Der Maertyrer soll im Dezember 1992 getoetet worden sein. Wir schliessen daraus, dass dies anlaesslich der von Hindu-Extremisten erstuermten und zerstoerten Babri-Moschee aus dem Jahre 1528 geschehen ist.

Der Ganges: Rein, aber alles andere als sauber

Wir kommen in der heiligsten Stadt des Hinduismus an, Varanasi, besser bekannt unter dem Namen Benares. Seit ueber 2’500 Jahren pilgern Glaeubige zu den kilometerlangen Stufen am heiligen Fluss Ganges, der am Berg Kailash, dem Sitz des Gottes Shiva; entspringt. Waehrend sich die Hinduisten durch eine rituelle Waschung im Fluss eine Reinwaschung vor Suenden erhoffen, soll ein Sterben und Verbrennen am Fluss vor einer Wiedergeburt schuetzen. Wer von Europa direkt nach Varanasi fliegt, unterliegt einem regelrechten Kulturschock.

An zwei Kremationsstaetten werden ununterbrochen Leichen verbrennt, der beissende Rauch brennt in den Augen. Ab und zu schwimmen Leichenteile herum. Hunderte Meter lange Leinen, an denen die im Ganga mit starker Lauge weichgeklopften Kleider und Laken der Waeschereien getrocknet werden. Bueffelherden suchen Abkuehlung im Nass, waehrend die Aermsten der Armen den heiligen Tieren nachlaufen, um den Mist mit blossen Haenden zu sammeln und ihn zum Trocknen fladenartig an Waende zu klatschen. Die getrockneten Fladen dienen als Brennmaterial. Riesige Kanaele leiten die Abwaesser unbehandelt in den Fluss. Die bestehenden Klaeranlagen sind voellig unzureichend und wegen der andauernden Stromunterbrechungen ohnehin nicht funktionsfaehig. Die Werte der Sauberkeitsparameter liegen um das Hunderttausend- bis Millionenfache ueber den Grenzwerten. Ein Tropfen Gangeswasser ist eine Generalattacke auf den menschlichen Koerper!

Weniger die Tatsache, dass sich die Inder in dem voellig verdreckten Fluss baden, ist abstossend, sondern die Unsitte, dass die Notdurft in aller Oeffentlichkeit entlang des ganzen Ufers verrichtet wird. Ein beissender Gestank von Exkrementen und Kuhmist liegt ueber den Ghats und vielen Teilen der Stadt. Wie laesst sich das bloss in den heissen Sommermonaten aushalten ?

In Benares verabschiede ich mich endgueltig von Stephane. Meine Reise geht bald zu Ende. In der potthaesslichen Industriestadt Kanpur komme ich erst nach Einbruch der Dunkelheit an. Die Tage sind zu dieser Jahreszeit zu kurz, um ohne Hast 120 Kilometer am Tag fahren zu koennen. Die ersten vier Hotels sind – wer haette das in dieser Stadt gedacht – bereits voll. Ich werde langsam ungeduldig und ausfaellig. Ich lasse mir diese Luege nicht weiter gefallen und fange an, die Hotelbesitzer anzuschreien. Nur weil sie nicht im Besitz des bloeden Formulars fuer auslaendische Touristen sind, wollen sie mich nicht uebernachten lassen. Es bleibt mir nichts anderes uebrig, als im teuren “Mayfair Hotel” zu uebernachten.

Ein spaetes Weihnachtsfest

In Manpuri scheinen die Hotelbesitzer geschaeftstuechtiger zu sein. Das Zimmer ist dafuer ein Rattenloch und gleich neben dem Stromgenerator. Ich nehme die Einladung des Inders an, der mich waehrend den letzten 20 Kilometern begleitet hat. Die vierkopfige Familie bewohnt ein kahles Betonzimmer, 4 mal 6 Meter gross. Der ganze Hausrat hat in zwei Bananenschachteln Platz. Eine Gluehlampe und ein kleiner Gluehofen sind die einzigen technischen Geraete. Zeitungspapier dient als Dekoration. Sie leben auesserst armselig und doch sind sie noch besser dran als die vielen Slumbewohner. Waehrend die Ehefrau “vegetables” kocht, kaufe ich 10 Samosas, Suessigkeiten, 2 Kg Aepfel, Rueben und Weissbrot ein. “My children very happy” strahlt Bigeldurbi ueber das ganze Gesicht, der zu meinem Erstaunen der hoechsten Priesterkaste angehoert. Ein richtiges Weihnachtsfest hat er seiner Familie beschert ! “My wife request you rest one day”, heisst es am naechsten Morgen. Diese Freundlichkeit kann ich gut verstehen, ich will aber an diesem Silvester noch Agra erreichen. Er versteht, “time costly”. “One piece foto sun?” kommentiert er die aufgehende Sonne. Ich gebe ihm 150 Rupees zum Abschied.

Abends erreiche ich endlich Agra. Meine Blutgruppe lechzt nach rotem Fleisch. Die auferzwungene vegetarische Curry-Masala-Diaet der letzten Wochen ist eintoenig. Im Pizzahut, das von der upper middle class frequentiert wird, werde ich fuendig und bestelle mir eine Lammfleisch-Koefte Pizza. Die neureichen Inder, allen voran das weibliche Geschlecht, haben einen deutlichen Hang zur Fettleibigkeit. Wellness und Fitness sind hier noch Fremdbegriffe.

Eine weitere Unsitte in Indien ist, von auslaendischen Touristen unverschaemt hohe Eintrittpreise abzuknoepfen, angeblich fuer die Restaurierung der Monumente. Wuerde Indien lieber weniger Geld fuer den Bau von Atombombomben ausgeben ! Der Anblick des Taj Mahal in Agra entschaedigt dann allerdings fuer diese Unpaesslichkeiten. In Delhi ist dann meine lange Veloreise zu Ende. Wie unglaublich schnell sind 333 Tage verflogen !

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(Alle digitalen Bilder sind mit der Handykamera aufgenommmen worden)

Schweiz-Tuerkei

Iran-Zentralasien

Tibet-Indien

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Zwischenlandung in Dubai

Ein kurzer Zwischenbericht aus Dubai: Der Abflug in Delhi heute Morgen hat sich verzoegert und ich habe meinen Anschlussflug nach Europa verpasst. Grosszuegig hat mich nun die Fluggesellschaft “Emirates” im Hotel Capitol untergebracht, mit 270 Dollars meine mit Abstand teuerste Uebernachtung bis anhin. Dubai ist das pure Gegenteil von Delhi: sehr sauber, ruhig, kein nerviges Gehupe, jeder Strassenzug perfekt gebaut, jedes Gruenplaetzchen liebevoll hergerichtet, alles wirkt neu, nichts ist kaputt, kein Randstein ist beschaedigt, der Strassenasphalt Formel-Eins tauglich, schlichtweg perfekt, aus einem Guss. Der Flug in der Boeing 777-300 mit Monitoren, vielen Videogames, einer grossen Musikbibliothek und etlichen zur Verfuegung stehenden Filmen, stimmt auf Dubai ein. “Play it again, Sam !” hiess es fuer mich diesen Nachmittag.

Irgendwie bin ich froh, Indien den Ruecken gekehrt zu haben. Das indische Voelkchen versucht bei jeder Gelegenheit, die Touristen ueber den Tisch zu ziehen. Wenn sogar beim Kauf von WC-Papier minutenlang gefeilscht werden muss, hat man irgendwann mal die Nase voll. Der Laerm und der Gestank sind ein Thema fuer sich.

Das Taxi, das um 6:30 vor dem Hotel stehen sollte , ist natuerlich mit einer halben Stunde Verspaetung gekommen. Man wollte noch andere Touristen mitnehmen, die allerdings zum “Domestic” Flughafen fahren wollten. In diesen Situationen heisst die Devise: grob sein und die Leute anschreien. Etwas das ich besonders hier in Indien gelernt habe. Der Taxichauffeur ist dann schnurstracks zum International Airport gefahren, seinem Versuch, mir noch zusaetzliche 50 Rupees fuer den
Transport des Fahrrades abzuknoepfen, war selbstverstaendlich kein Erfolg beschieden.

Das Security-Personal im Flughafen scheut sich gar nicht, fuer seine Dienste einen “Tip” zu verlangen. Mein suspektes Gepaeck haette nochmals durch einen Angestellten durchsucht werden muessen, mit einem kleinen Bakshish ist mein Gepaeck aber sofort auf das Rollband gelandet. Und meine Diafilme mussten – ohne Blickes gewuerdigt zu werden – nicht durch die Roentgenmaschine. Ich sah halt vertrauenswuerdig aus. Selbst meine Zeltheringe, die ich bloederweise im Handgepaeck hatte, haben unbesehen den Weg nach Dubai gefunden.

Ich geniesse nun die friedliche Abendstimmung hier in Dubai, werde wie ein Koenig im Hotel Capitol speisen und bereits Morgen in Paris sein.

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Ruhe in Nepal

Nach einer Woche in Katmandu, wohlgenaehrt und gestaerkt durch unzaehlige Steak-Sizzlers, muss ich wieder raus in die frische Luft. Obschon die Hauptstadt Nepals nur 700’000 Einwohner hat, ist sie eine der schmutzigsten Staedt auf diesem Planeten. Diskussionen ueber Feinstaub werden hier keine gefuehrt. Politisch ist die Luft hingegen einigermassen rein. Vor kurzem haben sich die maoistischen Rebellen und die Regierung auf eine Uebergangsverfassung geeinigt, der ungeliebte Koenig Gyanendra hat seine Macht bis zu den Wahlen im Juli dem Regierungschef uebertragen.

Nicht sauber sind hingegen die neuen Bestimmungen, die geeignet sind, die Wanderfreuden zu trueben. Ab jetzt darf nur noch mit einem Fuehrer oder einem Traeger, fuer rund 9 Dollar am Tag, auf Trekkingtour losgezogen werden. Zur Sicherheit der Touristen, betonen die vielen Trekkingagenturen, die sich die Haende reiben. Laecherlich, denn die beruehmten Treks wie der Annapurna Circuit Trek, Sanctuary Trek oder Jomosom Trek sind breite Wanderpfade mit vielen Lodges und Unterkuenften am Wegesrand. Waehrend zwei bis drei Wochen wandert man mit einem leichten Tagesrucksack. Ein Verirren ist nicht vorstellbar und die Situation mit den Maoisten hat sich soeben erheblich beruhigt. Die westlichen, zahlungskraeftigen Touristen sind eine willkommene Einkommensquelle. Im nahegelegenen Bakhtapur wird man nicht verlegen, fuer die Besichtigung der Altstadt zehn Dollar Eintritt abzuknoepfen.

Nepal, in dem acht der zehn hoechsten Berge der Erde liegen, ist ein Paradies fuer Trekkingtouren und Bergsteiger. Es ist mir aber nicht recht nach Wandern zumute. Vielmehr verspuere ich Lust, wieder in die Pedale zu treten und noch bis nach Delhi zu radeln. Ich mache mich also Richtung Westen auf, durch die huegelige subtropische Landschaft Nepals. Sobald der Stadtverkehr Katmandus hinter mir liegt, kann ich wieder eine ruhige Fahrt durch Reisterrassen, Bananenplantagen und ueppigen Waeldern geniessen. Hier ist die Heimat der ethnischen Gruppe der Gurkhas, bekannt durch die weltweit hoch angesehenen Gurkha Soeldner, die sich vor allem in den Dienst der britischen und indischen Armee gestellt haben.

Ein Abstecher zum Dorf Bandipur, auf einem Sattel gelegen und 600 Hoehenmeter von der Hauptstrasse entfernt, ist nach meinem Geschmack. Ruhe, Beschaulichkeit, ein gemuetliches Guesthouse und gutes Essen. Ein Ruhetag und ein kleiner Spaziergang durch die umliegenden Doerfer tragen zur Entspannung bei. Am naechsten Morgen steht mir dann eine Abfahrt durch den dichten Nebel bevor.

In Pokhara, dem Ausgangspunkt fuer viele Trekkingtouren, verlaesst mich dann das Wetterglueck. Die einzigartige Sicht auf das Annapurna-Massiv wird durch Regenwolken verdeckt. Ich muss mich mit den feilgebotenen Postkarten und Posters vorlieb nehmen. Ich treffe die schrille Heather, die soeben von einer Trekkingtour zurueckkehrt und mit der ich einen Tag in Tibet unterwegs war. Wir haben uns manche Erlebnisse und Anekdoten zu erzaehlen.

Es geht staendig rauf und runter. Jeden Tag schaffe ich so rund tausend Hoehenmeter. Ich freunde mich langsam mit dem nepalesischen Kuechenzettel an: zu essen gibt es meist nur das Nationalgericht Dhaal Baat: Linseneintopf, Gemuesecurry und viel Reis. Ein Abstecher nach Tansing, wieder auf einem Huegel gelegen, belohnt mich mit einer Sicht auf das Terai, das Flachland im Sueden Nepals und Teil der Gangestiefebene. Kurz vor der indischen Grenze in Lumbini, dem Geburtsort Buddhas, treffe ich mich mit Stephane Soray. Rund um den Wallfahrtsort ist ein riesengrosser Park errichtet worden. Buddhistische Staaten aus aller Welt sind daran, buddhistische Tempel zu errichten. Leider sind diese Betonbauten ein billiger Abklatsch von Originalen und jegliche Handwerkskunst wird verschmaeht. Den kitschigen Tempeln fehlt jegliches Leben. Eine verpasste Chance, schade.

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Namaste !

Viele werden sich fragen, wieso ich nicht die Festtage zuhause verbringe, obschon ich Tibet seit laengerem hinter mir habe. Nun, zum Leidwesen meiner Liebsten lasse ich meine Reise auf dem indischen Subkontinent ausklingen und werde Weihnachten und Neujahr in Indien verbringen. Die Verlockung, von Katmandu noch bis Dehli zu radeln, um einen Eindruck von Indien und dem Hinduismus zu erheischen, war zu gross. Ich befinde mich gerade in Varanasi (ehemals Benares genannt) am heiligen Fluss Ganges, wo sich taeglich Tausende von Pilger und Einheimischen einer rituellen Waschung unterziehen. Der Fluss selber hat mittlerweile den Reinheitsgrad einer Kloake erreicht. Indien ist laermig, bunt, nichts fuer klaustrophobisch veranlagte oder Koerpernaehe scheuende Menschen. Aber sehr faszinierend !

Allen fleissigen und weniger fleissigen Blog-Leserinnen und Lesern wuensche ich frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins 2007 !

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Besetztes Land

Ich befinde mich auf dem legendaeren Friendship Highway, der von Lhasa nach Katmandu fuehrt. Was fuer ein Unterschied zur bisherigen Fahrt durch Westtibet: eine breite flache Piste, die ab Tingri durchgehend bis nach Lhasa asphaltiert ist. Strom und Handyempfang auf der ganzen Strecke, zahlreiche Ortschaften und Gasthaeuser, der Verkehr wird vor Lhasa ungewoehnlich dicht. Alles wirkt etwas sauberer und aufgeraeumter. Der Highway ist einiges touristischer als die suedliche Kailash-Route. Und ploetzlich strecken Kinder und Tibeter ihre Haende aus, um zu betteln. Anstatt des “Tashi deleh!” hoere ich oefters “Hello, money!”. Biker mit bunten Trikots auf organisierten Touren lassen sich fuer eine Stange Geld ihr Gepaeck von einem Begleitjeep transportieren.

Nachdem ich am Morgen noch den Shishapangma (8’012 m) auf meiner Rechten hatte, kann ich am spaeten Nachmittag zum ersten Mal den hoechsten Berg der Erde, den Mount Everest (8’848 m) bestaunen. Unverkennbar und maechtig ragt die “North Face” im roetlichen Abendlicht. Der Abstecher zum Mount Everest Base Camp erfordert eine Woche mit dem Rad. Das ist mir zu lange. Dank der zahlreichen Jeeptouristen finde ich rasch eine Mitfahrgelegenheit bis zum Rongbuk Gompa, dem hoechstgelegenen Kloster der Erde. Die Spitze des Everest verhuellt sich leider in Wolken. Erst bei Einbruch der Dunkelheit verziehen sich diese, sodass ich den Bergriesen im Mondlicht bewundern kann.

Am Fusse des Mount Everest

Viele Geschichten ranken sich um den hoechsten Berg der Erde, von den Tibetern Chomolungma genannt. Am 29. Mai 1953 erklimmen der Neuseelaender Sir Edmund Hillary und Sherpa Tenzing Norgay als erste Menschen den Gipfel. Die folgenden vier Bergsteiger, die den Gipfel erreichten, waren uebrigens Schweizer (wie auch die Erstbesteiger des nahegelegenen Lhotse, dem vierthoechsten Berg der Erde). Die meisten besteigen den Everest mit Sauerstoffmasken. Ohne derartige Hilfsmittel gelang es 1978 erstmals dem Suedtiroler Reinhold Messner und dem Oesterreicher Peter Habeler. Zwei Jahre spaeter bestieg Messner im Alleingang, ohne Sauerstoffmaske und waehrend der Monsunzeit den Berg, eine der groessten Leistungen in der Geschichte des Bergsteigens.

Der Everest ist zum Spielfeld der Eitelkeiten geworden. Jeder versucht einen neuen Rekord zu schlagen: der juengste Evererst-Summiter, der aelteste, der schnellste, die erste Abfahrt vom Gipfel mit dem Snowboard, die erste Frau, die meisten Besteigungen … Die Tatsache, dass jedes Jahr einige Bergsteiger am Berg verunfallen oder aus Erschoepfung zu Tode erfrieren, scheint die Faszination noch zu steigern. Am Base Camp, dem teuersten Zeltplatz der Erde (50’000 Dollar muessen fuer jede Expedition bestehend aus zehn Bergsteigern hingeblaettert werden …) gedenken viele Steintafeln der Verunfallten.

Kulturschutz auf chinesisch

Auf feinem Asphalt rolle ich weiter nach Lhatse. Ich besuche mehrere kleinere Kloester am Wegesrand, die in den letzten Jahren wieder aufgebaut worden sind. Nach dem gewaltsamen Einmarsch der Chinesen in den 50-er Jahren und der folgenden “Kulturrevolution” sind in Tibet 99 Prozent aller Kloester und Tempel systematisch vollstaendig zerstoert worden. Religioese Vertreter wurden hingerichtet, in Umerziehungslagern eingesperrt und gefoltert. Schaetzungen zufolgen kamen nach der gewaltsamen Besetzung Tibets rund eine Million Menschen ums Leben. In der offiziellen chinesischen Sprachregelung heisst es schamlos von “cultural protection in Tibet” und “peaceful liberation”. Von einer Selbstbestimmung ist in der “Tibet Autonomous Region” kein Hauch zu verspueren. Grundlegende Menschenrechte werden in Tibet nach wie vor missachtet und die letzten Demonstrationen sind stets blutig niedergeschlagen worden. Wen interessierts? Man will schliesslich Peking nicht mit Grundsatzerklaerungen ueber Demokratie in Verlegenheit bringen und auf lukrative Geschaefte verzichten.

Einblicke in tibetisches Klosterleben

Ich treffe in Shigatse ein, der zweitgroessten Stadt Tibets. Waehrend die gigantische Festung in Shigatse, der 1363 erbaute Dzong, bis auf die Grundmauern zerstoert worden ist und nun – wohl mit Hilfe von Disneyworld – in Rekordzeit und unter Missachtung der urspruenglichen Bauweise fuer den im Olympiajahr 2008 zu erwartenden Touristenstrom wieder aufgebaut wird, hat die Klosteranlage in Tashilunpo die Kulturrevolution halbwegs ueberlebt. Tashilunpo ist der Sitz des ehemaligen Panchen Lama, nach dem Dalai Lama die hoechste Autoritaet im tibetischen Buddhismus.

Der derzeitige 11. Panchen Lama ist 1995 – im Alter von 6 Jahren – nur drei Tage nach der Anerkennung durch den derzeitigen 14. Dalai Lama von den Chinesen aus Tibet entfuehrt worden. Sein Verbleib ist unbekannt und er gilt als juengster politischer Gefangener der Welt. Kein Wunder, dass der von der chinesischen Regierung gewaehlte 11. Panchen Lama von den Tibetern verschmaeht wird und in Tempeln nur Bilder des letzten “richtigen” 10. Panchen Lama zu sehen sind.

Von Shigatse aus mache ich einen kleinen Umweg suedoestlich nach Gyantse, dessen als uneinnehmbare Festung 1904 vom Briten Younghusband gestuermt worden ist. Weiter geht es zum heiligen See Yamdrok Tso. Der Weg fuehrt ueber den verschneiten Karo La Pass (5’086 m). Die Strassenarbeiter mit schwarzverschmierten Gesichtern trotzen der Kaelte. Naechstes Jahr wird die Strecke durchgehend asphaltiert sein. Gluecklicherweise klart der bewoelkte Himmel der letzten Tage auf. Der tuerkisblaue See und die schneebeckten Huegel auf der Nordseite sorgen fuer phantastische Lichtstimmungen.

In der verbotenen Stadt

Endlich erreiche ich Lhasa, die Hauptstadt Tibets, bis vor wenigen Jahrzehnten fuer Fremde praktisch unzugaenglich. Trotz Vorwarnungen ist es erschreckend festzustellen, wie wenig tibetisch Lhasa seit der chinesischen Invasion geworden ist. Fast alle tibetischen Quartiere sind durch farblose und kalte Betonbauten ersetzt worden. Noch vor wenigen Jahren ist das historische Quartier vor dem Potala Palast plattgewalzt worden, um dem Potala Square samt chinesischem Monument und der Hauptverkehrsader Platz zu machen. Einzig rund um den heiligsten Tempel Tibets, dem Jokhang, hat sich noch ein Stueck des alten Lhasa erhalten. Hier verbringe ich die meiste Zeit und schaue interessiert den aus aller Ferne hergereisten Pilgern zu, die den Tempel im Uhrzeigersinn umrunden. Viele vollziehen ihre Turnuebungen, indem sie sich den ganzen Tag lang vor dem Haupteingang auf den Boden werfen. Ich besuche die Kloester Sera und Drepung, die der Schulrichtung der Gelupga (“Gelbmuetzen”) angehoeren. In Drepung kann man am Nachmittag den Moenchen und Novizen beim Debattieren zuschauen.

“Happy Juarney”

Fuer etwas Heiterkeit sorgen die Sprachblueten des “Chinglish”, eigenartige Aneinanderreihungen von englischen Worthuelsen wie “Give you memorable feeling how delicious can not forget, special taste” oder “The flavour remains produced meticulous choiceness raw material. Best enjoyment Quality guarantee. Give first choose treasure Agreeable to taste “ (sic), wie sie auf der Verpackung von Biskuits zu lesen sind.

Waehrend meines Aufenthalts in Tibet habe ich keinen Zugang zu den dort lebenden, bzw. arbeitenden Han-Chinesen gefunden. Sie wirken etwas freudlos und zeigen wenig Anpassungsvermoegen. Anders kann ich mir nicht erklaeren, dass selbst bei Minustemperaturen die Tueren ihrer nicht-beheizten kahlen Restaurants sperrangelweit offen sind und das Essen kalt ist, bevor es noch auf den Tisch kommt. Einiges angenehmer sind mir da die tibetischen Gasthaeuser mit gemuetlichen Sitzbaenken und einem Ofen in der Mitte des Raumes, der mit Yakdung angefeuert wird. Eine Chinesin will mir fuer einen Tee (der zum Essen immer gratis serviert wird) 10 Yuan (ca. 1 Euro) abknoepfen. Mir platzt der Kragen ob dieser Frechheit und ich schreie die geldgierige Frau lauthals an. Andererseits muss das Hotelzimmer stets im voraus bezahlt werden, ansonsten man aus dem Tiefschlaf gerissen wird, damit die grimmige Angestellte ihren “Charge Room” eintreiben kann.

Ein duesteres Kapitel in Asien und speziell in China ist die Unsitte der Spuckerei, der unappetitliche Laute vorangehen. Selbst nette Damen verschliessen sich dieser Unart nicht. Ach ja, Deodorants finden in Tibet keine Verwendung; es ist unmoeglich, einen aufzutreiben.

Der laengste Downhill der Erde














Nach einer Woche Aufenthalt in Lhasa nehme ich den Bus zur nepalesischen Grenze und steige bei der Abzweigung zum Shishapangma Base Camp aus, von wo ich hergekommen bin. Ein letzter Doppelpass auf ueber 5’000 Metern ueber Meer steht mir bevor. Trotz klaren Wetters zieht ein starker Gegenwind auf, der mich auf dem letzten Kilometer zum Schieben zwingt. Die Sicht auf die Himalayaberge ist dafuer einzigartig und unbeschreiblich. Und die Aussicht, das mir die laengste Abfahrt der Erde bevorsteht, laesst mich die minus 10 Grad schnell vergessen. Die Abfahrt ist wahnsinnig: in rund 140 Kilometern geht es von knapp 5’200 Metern runter auf 800 Meter. Die Vegetation aendert im Zeitraffer, wird gruener, dichter und abwechslungsreicher.

Der Abschnitt von Nyalam bis zur nepalesischen Grenze ist am steilsten. Nach einem flachen, kurvenreichen Stueck oeffnet sich die Sicht auf die in die Bergflanke gehauene Strasse. Ich komme mir vor wie bei einer Achterbahn vor dem Start. Innert weniger Stunden kriege ich zuerst vereiste Baeche und spaeter dichte Laubwaelder zu sehen. Nach Monaten auf dem tibetischen Hochplateau sehe ich wieder einmal einen richtigen Wald! Die Temperaturen klettern auf 25 Grad. Schicht um Schicht kann ich mich ausziehen. Neuartige Duefte stroemen mir entgegen.

Nach der letzten chinesischen Ortschaft habe ich eine schwindelerregende Sicht auf Kodari, dem Grenzort Nepals, und der Freundschafts-Bruecke. Was fuer ein Wechsel! Buntbekleidete Frauen in Sandalen und einem anmutigen Laecheln. Ein reges chaotisches Treiben herrscht auf der Freundschaftsbruecke. Ich fuehle mich gleich wohl in Nepal. Ich befinde mich bereits im subtropischen Klima Nepals und kann kuerzaermlig Bananen von den Baeumen pfluecken.

In zwei Tagen fahren ich bis zur Hauptstadt Nepals, Katmandu. Die Strasse ist anfaenglich durch Erdrutsche in einem schlechten Zustand, bald fahre ich aber auf Asphalt. Erst nach Stunden merke ich, dass hier Linksverkehr herrscht. Ich lasse all die neuen Eindruecke auf mich wirken. In Katmandu treffe ich auf Stephane, mit dem ich von Kashgar aus zusammen losgezogen bin. Ich quartiere mich im Touristenghetto Thamel ein, das ganz auf die Beduerfnisse der Trekkingtouristen ausgerichtet ist: Trekkingshops, Reiseagenturen, gute Restaurants und Baeckereien, bestens ausgestattete Buecherlaeden und Souvenirhops. Die Sehenswuerdigkeiten heissen hier “La Dolce Vita”, “Fire and Ice” und “Tom und Jerry”. Man kann in Thamel keinen Meter laufen, ohne dass Sprueche wie “Rikshaw, ok?”, “Haschisch, ok?” oder “Tiger Balm, ok?” auf einen niederprasseln. Natuerlich sehe ich mir die hinduistischen Bauten an, allen voran den Monkey Temple und Pashupatinath, die Kremationsstaette der Hinduisten.

Eindruecke aus dem indischen Subkontinent

Die folgenden Links fuehren zu den letzten Bildern aus Tibet, Nepal und Indien:

Bildergalerie “Tibet-Indien”
Bildergalerie “Iran – Zentralasien”
Bildergalerie “Schweiz – Tuerkei”

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Auf Pilgerschaft in der tibetischen Weite

Der Abstecher zum Guge Kingdom ueber zwei 5’000-er Paesse und Sandpisten war, wie ich bereits vor laengerer Zeit berichtet habe, anstrengend aber lohnend. Das ist nur die halbe Miete: Die Fahrt vom Sutley Tal (ca. 3’800 m) rauf zum Highway 219 ist einiges muehsamer. Die wunderschoen erodierten Bergflanken hinterlassen Spuren in Form von Sand: das Material, aus dem die Piste besteht. Schieben, Stossen und Ziehen ist angesagt, zwischendurch eingenebelt vom aufgewirbelten Sand der Jeeps. Am ersten Tag schaffe ich gerade 20 Km, am zweiten immerhin schon 40. Die Zeltplaetze mit einer atemberaubenden Sicht auf die weisse Himalayakette im Hintergrund entschaedigen fuer die Strapazen. Am dritten Tag moechte ich den Highway 219 erreichen. Erst am spaeten Nachmittag sehe ich die Gebetsfahnen auf den dritten Pass des Tages, 5’170 Meter. Der Vollmond ist soeben aufgegangen und kontrastiert zum blaeulich-violett gefaerbten Himmel. Kaelte und Wind hindern mich nicht, das Mini-Stativ rauszunehmen und die Lichtstimmung einzufangen.

Moonlight Shadow

Ans Zelten ist zu dieser spaeten Stunde nicht mehr zu denken. Die 15 Kilometer Abfahrt und 700 Hoehenmeter bis Songsha schaffe ich locker, denke ich mir. Es dunkelt rasch ein und wie ein Gejagter fahre ich im Vollmondschein einsam auf der steinigen und holprigen Piste, darauf bedacht, nicht von der Fahrbahn zu geraten. Die Blicke runter in die endlose Weite sind furchteinfloessend. Von weitem sehe ich bereits die Lichter der Ortschaft, doch es ist noch ein weiter Weg. Endlich in der Talebene angekommen, gilt es einen Fluss zu ueberqueren. Das Gebell der Hunde am anderen Ufer spornt mich nicht unbedingt an. Um zehn Uhr abends erreiche ich muede Songsha, eine Militaerbasis mit einigen einfachen Gasthaeusern.

Es ist nicht mehr weit bis zum Berg Kailash, dem heiligsten Berg der Erde. Zuvor mache ich bei Moincer einen kleinen Abstecher zu den heiligen heissen Quellen in Tirthapuri. Ein kleiner Huegel ist geschmueckt mit lungta (Gebetsfahnen), Mani-Steinmauern und Stupas. Stupas (auf tibetisch Choerten) begegnet man im lamaistisch gepraegten Tibet ueberall. Als Symbole fuer den Geist Buddhas werden diese Monumente vereehrt und rituell umwandelt. Die Chinesen verstehen es uebrigens ausgezeichnet, die heiligen Orte der Tibeter zu verunstalten: mitten durch die heiligen Quellen sind Strommasten und ein Kanal (fuer ein Thermalbad) verlegt worden.

Von Moincer ist der Kailash eine Tagesetappe emtfernt. Bereits von weitem sehe ich rechterhand den suedlich des heiligen Manasarovar-Sees gelegenen Gurla Mandhata (7728 m). In der Abendsonne stehe ich schliesslich vor dem “Eisberg-Juwel”, von Bildern bestens bekannt. Ich bin ueberwaeltigt, ein grosses Etappenziel nach 242 Tagen und 13’776 Km erreicht zu haben. Ein Traum ist Wirklichkeit geworden: mit dem “Kanggari” aus eigener Kraft nach Tibet und zum Kailash zu radeln. Vor dem Start hatte ich zugegebenermassen ein mulmiges Gefuehl beim Gedanken, alleine durch Laender wie Serbien, Iran oder Tadjikistan zu reisen. Jetzt weiss ich, dass dort freundliche, hilfsbereite und gastfreundliche Leute leben.

Ich denke zurueck an meinen Start im Februar mit Ruth, an die schweisstreibenden Paesse, an die taeglichen herzerfrischenden Begegnungen mit Einheimischen und das verzerrte Bild, das wir in Europa leider von den Muslimen haben. Ich darf mich gluecklich waehnen, taeglich gegen Kaelte, Schnee, Regen, Hitze, Wind und Steigungen gekaempft zu haben. Andere kaempfen ums Ueberleben. Tausend Gruende haette man aufzaehlen koennen, welche gegen meine Reise sprechen. Einer alleine ist ausreichend, um aufzubrechen. Bis zum Sonnenuntergang bleibe ich am Strassenrand stehen und bewundere zufrieden die Suedseite des Kailash.

Nach einer letzten Flussfurt treffe ich in Darchen, dem Ausgangspunkt fuer die Pilger-Umrundung des Kailash, auf tibetisch Kang Rinpoche ein. An die kleinen Ortschaften in Westtibet, in denen ueberall ein bisschen Abfall herumliegt und sich jede Hauswand als Zielscheibe fuer eine Pinkeleinheit eignet, habe ich mich bereits gewoehnt. Doch Darchen uebertrifft alles. Abfallberge und Kot ueberall. Der Ort scheint von einer Kolonie streunender Hunden belagert zu sein. Der vom Kailash fliessende Bach, von einer voellig unnuetzen Staumauer unterbrochen (wieder eine dieser chinesischen Glanzleistungen), ist mit Verpackungsmaterial uebersaet. Die chinesischen Betonbauten tun ihr Uebriges, um dem Dorf den verbliebenen Charme zu rauben. Schade, dass selbst die Tibeter diesem heiligen Ort nicht die gebuehrende Achtung entgegenbringen.

Om mani padme hum

Am naechsten Morgen breche ich mit einem randvollen Rucksack auf. Der Weg wird von Gebetsfahnen, Steinen mit eingravierten Mantras, Stupas und Red-Bull Buechsen gesaeumt. Die Umrundung des ganzjaehrig schneebedeckten Kailash (6’714 m) bedeutet fuer den tibetischen Glaeubigen eine Fahrt in das heilige Zentrum der Welt. Der Kailash gilt fuer Anhaenger des Buddhismus, Hindusmuis, Boen und Jain als einer der bedeutendsten spirituellen Orte. In seiner Naehe entspringen zudem vier grosse Fluesse des suedasiatischen Raumes (Indus, Brahmaputra, Sutley, Karnali).

Der 55 km lange aeussere Weg ueberwindet den anstrengenden 5’723 hohen Dolma La Pass. Mal folge ich einer Familie, die mit einem Schimmel unterwegs ist, mal einer Yakherde. Einmal werde ich von tibetischen Pilgern aus Chamdo begleitet. Beim Dolma La werfen sie farbige Papierzettel, mit dem Windpferd und den vier Tieren der Himmelsrichtungen bedruckt, in die Luft. Ich treffe auf Touristengrupen, auf besonders fromme Pilger, die den Kailash durch Niederwerfungen umrunden und fuer eine solche Prostrationsumrundung rund zwei Wochen benoetigen. Es begegnen mir wenige Boen, Anhaenger der vorbuddhistischen Glaubensrichtung, die den Berg im Gegenuhrzeigersinn umrunden.

Ich bin – wieder einmal – viel zu schwer unterwegs. Es finden sich Verpflegungszelte und an den zwei Uebernachtungsorten sogar Gasthaeuser. Die Chinesen sorgen dafuer, dass an der herrlichen Nordwand des Kailash, gegenueber einem einsam gelegenen Kloster ein neuer Betonkomplex gebaut wird. Schliesslich erwartet man viele Touristen fuer das Olympiajahr 2008. Der Kailash ist fuer die Chinesen nichts anderes als eine Touristenattraktion. Ein 40-jaehriger Japaner, zum vierten Mal am Kailash innert 12 Jahren, ist einfach “very sad”. Es habe sich in den letzten Jahren einiges geandert. Beim ersten Mal habe es ausser den beiden Kloestern keine einzige Verpflegungs- und Uebernachtungsmoeglichkeit gegeben. Aber die Nordwand des Kailash, die sei noch wie vor erhaben und wunderschoen.


Die Wahl der Qual

Nach der dreitaegigen Umrundung begebe ich mich zum nahe gelegenen heiligen See Manasarovar und besuche das Kloster Chiu. Die heissen Quellen hier lassen meine mueden Beine wieder zum Leben erwecken. Ich setzte meine Fahrt ostwaerts weiter. Es erwartet mich eine ueble Waschbrett-Piste. Ich kann zwischen der gewellten Schotterpiste des “Highway” und den sandigen Parallelrouten aussuchen. Fuer 60 km strample ich mich satte sieben Stunden ab. Jede Geschwindigkeit ueber 10 km/h bedeutet Rasen. Oefters ziehen gegen Mittag Wolken auf und die Temperaturen sinken gegen die Nullgradgrenze. Die Nachmittagswinde runden das Fahrvergnuegen ab.

In Horchu, wo die Umrundung fuer den heiligen See Manasarovar startet, stosse ich auf einen russischen Radfahrer. Er und sein Kollege haben sich in Urumqi Fahrraeder gekauft und sind auf den Xinjiang-Tibet-Highway gestartet. Seinen lieben Freund hat er in Ali zurueckgelassen, als dessen Rad zu kraenkeln begann. Immerhin war er so freundlich, ihm Gewicht abzunehmen, indem er das einzige Zelt mitgenommen hat. Kocher fuehren sie keinen mit, wozu auch. Seit drei Tagen sitzt Gregori, man hoere und staune, von Beruf Geo-Reisejournalist, in einem Truckstopp ausserhalb Horchu fest (und dabei das Dorfzentrum nicht entdeckt). Drei Speichen sind gebrochen, entsprechendes Werkzeug hat er natuerlich nicht dabei. Ein Stein faellt ihm vom Herzen, als er mich erblickt. Wir ersetzen die Speichen, doch die Felge ist total verbogen und streift den Rahmen. Also zentriere ich ihm waehrend einer Stunde die Felge. Auf Wunsch hin stelle ich ihm die Schaltung ein und spendiere ihm noch Kettenoel. Er schlaegt mir vor, ein paar Tage zusammen zu fahren. Wehret den Anfaengen! Ich bin ehrlich und mache ihm klar, dass ich ganz alleine weiterfahren moechte.

Ich komme in Paryang an, einer tibetische Siedlung mit wenigen Guesthouses und einigen mutigen Han-Chinesen, die hier ihr wirtschaftliches Glueck versuchen, indem sie westliche Jeep-Touristen mit ueberrissenen Preisen und unpraezisen, mittelalterlichen Waagen auszunehmen versuchen. Am naechsten Morgen nehme ich mein Morgenessen zu mir ein, doch der uebliche Appetit fehlt mir. Vielleicht liegt es am stechenden Husten, der mich seit einigen Tagen plagt. Ich schwitze, meine Beine zittern. Mein Koerper will sich offenbar heute nicht fortbewegen. Ich gehe zurueck ins Guesthouse und bleibe den ganzen Tag im Bett liegen.

Die Landschaft wird zunehmend sandiger und trockener. Die riesigen Sandduenen sind das Resultat der Himalayakette, welche die Regenmassen aus dem indischen Subkontinent abschirmt. Trotz Anstrengung und Langsamkeit ist die Fahrt durch das tibetische Hochplateau eindruecklich. In der Weite erblicke ich Gazellen, scheue rot-weisse Wildesel (Kiang) fliehen vor mir, Murmeltiere springen von Loch zu Loch.

Kurz vor dem Mayum La Pass (5’225 m) kann ich bei tibetischen Nomaden uebernachten. Ein anderes Mal schlage ich mein Zelt neben dem tibetischen aus dunkler Yakwolle auf und verbringe den Abend mit einer freundlichen Familie. Wir sitzen alle um den kleinen Ofen. Die Mutter feuert mit Yakdung. Anderes Brennmaterial existiert hier in der baumlosen Landschaft nicht. Die Familie fuehrt ein hartes, entbehrungsreiches Leben. Jeglicher Luxus, ausser derjenige der Zeit, fehlt hier. Die Tochter, welche zur Ziegenherde schaut, kommt erst nach Einbruch der Dunkelheit zurueck. Ich kaufe ihr die selbstgestrickten Wollsocken ab. Die Nahrung besteht hauptsaechlich aus Tsampa (Gerstenmehl und Yakbuttertee, die mit der Hand zu einem Brei geknetet werden). Yakfleisch, Kohl und Kartoffeln gibt es nur selten.

Vor New Zonghba, einer haesslichen chinesischen Retortensiedlung, werde ich von einem Schneesturm ueberrascht. In der Dunkelheit fahre ich mit der Stirnlampe weiter, die Lichter der Ortschaft zeigen mir die Richtung an. Der Pass Sing La (4925 m) fordert mich; ich kann wieder einen Durchfall beklagen. Ein Fuchs stattet mir in der verschneiten Nacht einen Besuch ab und schaut mir geradewegs in die Augen, als ich nach draussen blicke. Endlich erreiche ich die groessere Ortschaft Saga, wo ich die Kailash-Route suedoestlich Richtung Paiko-Tso See verlasse. Kurz nach Saga stosse ich auf Silvio Giroud aus Freiburg, den ich spaeter in Katmandu wieder treffen werde. Nochmals geniesse ich die Weite Westtibets, atemberaubende Blicke auf den Shishapangma (8’012 m) und die umliegenden Berge, bis ich den Friendship Highway (Lhasa-Katmandu) erreiche. Jetzt faengt der Urlaub an!

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